„Und (vierzehn-)täglich grüßt das Murmeltier…“ geht es mir durch den Kopf, während ich beginne diesen Blogbeitrag in die Tasten zu hacken. Gerade einmal zwei Wochen ist es her, dass ich mich an dieser Stelle mit den Pros und Cons sowie Dos und Don’ts der Kurzvideoplattform TikTok beschäftigte. Als ich damals im Backend unserer Blog-Seite auf „veröffentlichen“ klickte, schien der nächste Upload noch in weiter Ferne. Doch es kommt eben immer anders als man denkt. Eine kollegiale Termintausch-Anfrage später sitze ich nun also an meinem Schreibtisch und überlege, wie sich die gähnende Leere auf dem Bildschirm füllen lässt.
Bevor es zu Missverständnissen kommt: Ich möchte mich überhaupt nicht beklagen. Blogbeiträge zu verfassen ist immer eine erfrischende Abwechslung zum PR-Tagesgeschäft, zwischen Pressemeldungen und Anwenderberichten. Hier kann man sich kreativ ausleben und auch über Themen schreiben, die im Arbeitsalltag eher selten zur Sprache kommen. Alleine in meinen mittlerweile zwei Jahren bei Press’n’Relations philosophierte ich bereits über Weihnachtsmärkte, den Ulmer Herbstnebel und Museen – eine Bandbreite, die im beruflichen Kontext eher selten vorkommt. Nichtsdestotrotz bringen zwei, so kurz hintereinander zu schreibende Texte ein gewisses Maß an Druck mit sich. Mehr als einmal im Monat von der Muse geküsst werden? Wer bin ich denn, Hemingway?

Ein neuer Tag, eine neue Krise

Was mir die hohe Blog-Taktung ebenfalls eindrücklich vor Augen führt, ist ein Phänomen, das ich bereits seit Monaten beobachte: 2020 ist das längste und gleichzeitig schnellste Jahr aller Zeiten. Aufmerksame Leser werden sich vielleicht erinnern, ich nutze diese Formulierung nicht zum ersten Mal. Bereits in meinem vor-vorletzten Beitrag sprach ich den Gedanken in einem beiläufigen Nebensatz an. Der Eindruck hat sich seither jedoch keinesfalls gelegt, im Gegenteil. Seit Jahresbeginn ist gefühlt so viel Weltbewegendes passiert, wie in der gesamten Dekade davor.
Ohne Frage, die Corona-Pandemie überschattet alles. Doch alleine die USA füllen mit sozialen Unruhen, Handelskriegen und einem an Absurdität nicht zu überbietenden Präsidentschaftswahlkampf die News-Portale mit mehr Meldungen, als irgendjemand lesen kann. Wer die Schuld an explodierenden Nachrichtentickern jedoch alleine jenseits des Atlantiks sucht, liegt falsch. Europa scheint die fragwürdige Herausforderung, mehr Horror-Meldungen als die Staaten zu produzieren, nur allzu bereitwillig angenommen zu haben. Rechtsoffene Verschwörungsdemonstrationen, schockierende Bilder aus Geflüchtetenlagern und Geheimdienstzwischenfälle, die Ian Fleming zu plump gewesen wären – alles Made in EU. Eine sich zuspitzende, globale Klimakrise fällt da schon fast nicht mehr auf.

Zeitempfinden und Verstand am Limit

Kein Wunder also, dass der fleißige Nachrichtenkonsument da an seine Grenzen stößt und sich vorkommt, wie mit zwei Promille im Autoscooter. Jeden Morgen begrüßt mich auf meinem Smartphone ein halbes Dutzend Push-Messages. Spiegel Online, tagesschau.de und Co. schaffen es regelmäßig, mir bereits die ersten Minuten des Tages zu versauen. Ein unaufhörliches Feuerwerk an Bad-News, Fake-News und Shock-News lässt mittlerweile das gesamte Weltgeschehen zu einem undurchsichtigen Nebel des Grauens verschmelzen. Das Absurde daran: Während sich einzelne Tage monströs aufblähen und einen mit LKW-Ladungen voll Informationen überschütten, ziehen sich die Monate und das Jahr insgesamt zusammen wie Spinat in der heißen Pfanne. Neujahr? War doch erst gestern!
Dass Mr. News-Cycles wilde Achterbahnfahrt nicht gerade gesund für die Psyche ist, dürfte nicht überraschen. Schon länger ist bekannt, dass zu intensive Beschäftigung mit dem Nachrichtengeschehen auf das Gemüt schlagen kann – und COVID-19 hat diesen Umstand mehr denn je zu Tage gefördert. Besonders bei Kindern und Jugendlichen macht sich dies erschreckend deutlich bemerkbar. Die Erwachsenen von morgen sind schon heute der sozio-politischen Geisterbahn namens Tagespresse ausgesetzt und werden diesen Ballast nur schwer wieder ablegen können. Zumindest versuchen sie jedoch ambitioniert, den negativen Input in positiven Output zu verwandeln, wie Fridays for Future und andere Jugendbewegungen zeigen.

Den News-Konsum entrümpeln

Was für Schlüsse lassen sich nun hieraus ziehen? Muss man sich der Gewalt des Nachrichtenstroms ergeben und zwischen den Trumps, Waldbränden und CDU-Parteitagen dieser Welt auf den Abgrund zutreiben? Oder soll man sich abschotten, keine Zeitung mehr lesen und zum digitalen Eremiten werden? Geht das überhaupt? Darf man das?
Die Antwort liegt, wie so oft, wohl irgendwo in der Mitte. Man kann und sollte sich nicht vor der Welt verschließen. Es mag verlockend klingen, die Irrungen und Wirrungen der Welt einfach auszusperren, um sie gemütlich ignorieren zu können. Ich möchte auch nicht bestreiten, dass derartiger Eskapismus erholsam für das Oberstübchen sein kann. Einfach so zu tun, als würden einen die Probleme der Menschheit nichts angehen, halte ich jedoch für falsch. „Digital Detox“ in allen Ehren, aber wer einfach gar nicht mehr darüber nachdenkt, was außerhalb seiner vier Wände vor sich geht, ist in meinen Augen etwas feige. Anstatt dem Biedermeier ein Update für das 21. Jahrhundert zu verpassen, sollte man sich bewusst sowie gezielt informieren und daraus durchdachte Schlüsse ziehen. Hierzu hilft es, seinen News-Konsum klar zu begrenzen, sei es zeitlich oder anhand bestimmter Medien. So bleibt man auf dem Laufenden und verhindert doch effektiv den Nachrichtenkollaps. Für mich persönlich bedeutet das, ich sehe mir die Startseite meiner Go-to-App nur noch einmal täglich an, in der Regel abends. Was ich dort nicht sehe, kann nicht so wichtig gewesen sein. Die restliche Zeit halte ich es hingegen zunehmend mit dem unsterblichen Peter Lustig: „Abschalten!“