„Mein Kollege, das unbekannte Wesen“ ist das Motto, unter dem unser frisch ins Leben gerufene „Blog-Wichteln“ steht. Wer das Wichteln noch aus der Weihnachtszeit kennt, weiß, dass man dabei blind den Namen eines anderen Teilnehmenden zieht, um ihn an einem festgelegten Datum zu beschenken. Da man bei Press’n’Relations anscheinend gerne wichtelt, es allerdings an das Sparschwein geht, wenn man sich das ganze Jahr mit Geschenken beglückt, wurde hier jetzt einfach ein bisschen umgedacht. Denn die zweite Disziplin, in der sich die PnRler nach dem Schenken üben, ist das Schreiben. Deswegen gibt es jetzt Geschriebenes geschenkt. Das Thema sind diesmal keine Schrubber-Sauger, Hightech-Kaffeemaschinen oder Security-Software. Jetzt geht es um die Menschen hinter den Worten. Dabei darf jeder Schreiberling seinen Wichtel wie er will recherchieren (ob beim Glas Wein oder via Google) und das gewonnene Wissen zu einem Blog in Form eines Interviews, Artikels, Steckbriefs o.Ä. verarbeiten. Im Fokus steht dabei, einen spannenden Aspekt aus dem Leben des Kollegen/der Kollegin hervorzubringen und darüber zu berichten.

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Da sich meine Wenigkeit in einer Woche (nach fünf Monaten Press’n’Relations-Schnupperzeit) wieder in die große weite Welt verabschiedet, komme ich nicht mehr in den Genuss, einen der PnRler genauer unter die Lupe zu nehmen – dafür jedoch in die Verlegenheit, selbst etwas „Unbekanntes“ von mir preiszugeben. Nach anfänglichem Enthusiasmus, ein Thema – nämlich mich selbst – für den dieswöchigen Blog gefunden zu haben, muss ich feststellen: gar nicht mal so einfach. Wenn ich so auf meine 20 Jährchen Leben zurückschaue und erzählenswerte Ereignisse zusammensammle, fällt fast alles auf einen Schauplatz zurück. Denn wenn ich heute mit meinem Lebenslauf irgendwo aufkreuze, wandeln sich die Blicke von interessiert zu erstaunt bis belustigt. In der Rubrik „Schulbildung“ findet sich nur eine Zeile. Ich war tatsächlich 13 Jahre auf derselben Schule: die Freie Waldorfschule am Illerblick Ulm.

Ein paar Infos im Voraus:

Meine Schule hat 13 Klassen, die jeweils ca. 30 Schüler fassen. Wir beginnen alle zusammen in einer Klasse und wer nicht von der Schule geht, bleibt auch in dieser. Denn man kann nicht sitzen bleiben und es gibt auch keine Noten. Selbstverständlich wird bewertet und diese Bewertungen werden auch immer eindeutiger – angefangen mit Smilies unter Tests oder „Hausaufgabensternchen“ bis zu ganz normalen Noten in den Abschlussjahren. An Abschlüssen kann man auf der Waldorfschule die drei gängigsten in Deutschland machen – Hauptschule, Realschule (allerdings erst in der 12. Klasse) und das Abitur (G9). Wir schreiben dieselben Prüfungen an denselben Tagen wie die staatlichen Schüler, mit einem Unterschied: Es werden keine Punkte gesammelt, es zählt nur der Tag der Prüfung. Mit der Hauptschule kann man ab der 9.Klasse jederzeit abschließen. Ob Abitur oder Realschule, wird wiederum erst bei sogenannten Orientierungsgesprächen am Ende der 11. Klasse entschieden.

Eine weitere Besonderheit ist zum Beispiel, dass in den ersten acht Jahren (Unterstufe) der Schulzeit der gleiche Lehrer (Klassenlehrer) antritt, der einen im sogenannten „Epochenunterricht“ unterrichtet. In den ganzen 13 Jahren werden jeden Tag die ersten zwei Unterrichtsstunden für ein bestimmtes Fach verwendet. Das heißt: Drei Wochen Deutsch, zwei Wochen Erdkunde, drei Wochen Mathe etc. In der Unterstufe wird dieser Unterricht durch Sprachen (Englisch und Russisch an meiner Schule) sowie handwerklichen, sportlichen und künstlerischen Unterricht ergänzt. Auch hier wechseln die Fächer mit den Jahren (ich lernte stricken, sticken, häkeln, nähen, schnitzen, schreinern, schmieden, Korb flechten usw.). In der Oberstufe gibt es zusätzlichen Fachunterricht in z.B. Mathe oder Deutsch. Kann also gut vorkommen, dass man mal eben vier Stunden Mathe am Stück hat.

Zu der „normalen“ Schulbildung  kommen zahlreiche Praktika: das zweiwöchige Handwerkspraktikum und das dreiwöchige Landbaupraktikum (jap, Bauernhof) in der 9. Klasse und ein einjähriges Betriebspraktikum im zweiten Halbjahr der 10. und im ersten Halbjahr der 11. Klasse. Bei diesem Praktikum arbeitet man donnerstags und freitags in Betrieben und ist Montag bis Mittwoch in der Schule. Allerdings dann bis halb fünf Uhr nachmittags, da ja zwei Tage Unterricht pro Woche fehlen. Hausaufgaben inklusive.

Ergänzt wird der Schulalltag durch Orchester-Konzerte, Monatsfeiern (eine Vorführung der Unter- und Mittelstufe, die ca. jedes Quartal stattfindet), Theaterstücke (ich habe allein sechs große und unzählige kleine in meiner Schullaufbahn gespielt), Klassenfahrten und kulturelle Ausflüge.

Soweit der „kleine“ Einblick in die Waldorfschule am Illerblick. Natürlich folgt auf so eine Berichterstattung – die man als Waldorfschüler nicht gerade selten geben muss – in der Regel die Frage: „Und, wie fandest du es da?“

Morgen Teil 2 mit der Antwort … 

So lange beste Grüße

Lea Biermann