Motivation + Glaube -> Handlung

So die Theorie. Wenn man etwas erreichen möchte (Motivation) und den Glauben daran hat, dass eine bestimmte Handlung zur Verwirklichung dieses Ziels beitragen wird, führt ein Mensch mit gesundem Verstand eben diese Handlung aus. Zu dieser Zusammenfassung bin ich bei meiner Internetrecherche zum Thema „Motivation“ gelangt.

Anlass für meine Expedition in die Tiefen Googles bot mir die Zeile: „Motivationsschreiben 7.500 – 10.000 Zeichen“, die wie eine unbezwingbare Felswand auf dem Bewerbungsformular der Uni Hildesheim prangte. Da bei meinem Wunschstudiengang „Philosophie – Künste – Medien“ (Ja. Richtig. Nicht mehr Kulturwissenschaften wie im vorigen Blogeintrag) nur die stärksten 30 Kletterer einen Platz erhalten, musste ich nun wohl oder eher übel ein blendend weißes Word-Dokument füllen.

Doch mit welchem Inhalt? Diese Frage hing in der Luft als ich mir sicher war, schon alles Relevante erwähnt zu haben, aber erst eine halbe Seite beschrieben hatte. Allerdings füllten sich die verbleibenden Seiten in den zwei darauffolgenden Tagen irgendwie doch und während ich versuchte, die „sehr geehrten Damen und Herren“ mit meinem Schreiben zu überzeugen, passierte vor allem eines: Ich überzeugte mich selbst. Seit ich die 8.310 Zeichen mit dem Titel „Motivationsschreiben“ gespeichert habe, bin ich mir wirklich sicher, dass dieser Studiengang der richtige für mich ist, auch wenn ich noch nie gut darin war, Entscheidungen zu treffen. Lieber halte ich mir alle Optionen bis zum Ende offen und klage dann über zu viele Möglichkeiten. Und um ehrlich zu sein, habe ich das auch dieses Mal wieder getan. Außer in Hildesheim habe ich mich noch an acht weiteren Unis für die Studiengänge Psychologie, Germanistik und Kulturwissenschaften beworben.

Der Gedanke, das Recht auf eine Option bliebe mir verwehrt, stört mich und so kann ich es gut nachvollziehen, dass eine Figur in Monty Pythons „Das Leben des Brian“ darauf besteht, dass auch „jeder Mann […] das Recht [haben sollte], Babys zu haben.“ Doch woher kommt diese Unentschlossenheit, die scheinbar eine ganze Generation mit mir teilt? Ist es einfach nur die Anzahl der Möglichkeiten, die zur heutigen Zeit um ein Vielfaches größer als noch vor 20 Jahren ist? Oder erschwert uns die Zerrissenheit zwischen dem Wunsch nach einer sicheren Zukunft und dem Traum der Selbstverwirklichung, Entscheidungen zu treffen?

Viele Mitglieder der Generation Y, von manchen auch Generation „vielleicht“ genannt, sind ständig auf der Suche nach einem Sinn und hinterfragen Bestehendes. Und, um ehrlich zu sein, mir gefällt der Gedanke besser, mit vielen sinnsuchenden „Maybe’s“ zusammenzuleben, als lauter trampelige „Be’s“ um mich herum zu haben.
Einigen wird nun eventuell mein Wink mit dem Werbeplakat von Marlboro aufgefallen sein, das 2011 mit dem Spruch: „Don’t be a Maybe“ für den entschlossenen Lebensstil seiner abhängigen Kunden geworben hat. 2013 wurde diese Kampagne verboten, weil sie sich zu zielgerichtet an die verunsicherte Jugend wende.

Doch ist nicht auch die bewusste Entscheidung zu keiner Entscheidung eine Aussage? So wird unsere Generation beispielsweise als unpolitisch abgestempelt, weil sie sich nicht oder nur selten für eine Parteimitgliedschaft oder das komplette Geschehen im Parlament interessiert. Dieses Desinteresse würde ich allerdings nicht unbedingt als Zeichen der Gleichgültigkeit abtun, sondern eventuell sogar als Kritik am kompletten System unserer Demokratie verstehen. Viele junge Leute nutzen heute lieber die Möglichkeit, im Kleinen etwas zu verändern und sammeln so beispielsweise Unterschriften auf Facebook, um die Einrichtung eines neuen Fahrradwegs in ihrer Stadt zu erreichen. Solche bewussten und auch viele unterbewusste Entscheidungen treffen wir täglich. Laut dem Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel sind es sogar um die 20.000.

Sollten wir also im Alter von 20 Jahren, mit ungefähr 14 Millionen getroffenen Entscheidungen, nicht langsam im Stande sein, einen Ausbildungsweg zu wählen? Doch gerade, dass es beispielsweise bei der Studienwahl so viele Optionen gibt, bedeutet auch, dass man sich mit der Entscheidung für eine von ihnen gegen so viele andere entschließt. Vielleicht macht uns der Abschied von diesen ca. 14.500 anderen Studiengängen die Sache so schwer.

Zumindest im Bereich der Studienwahl, so denke ich, muss man aber nicht alle anderen Möglichkeiten sofort begraben, sobald man sich einmal eingeschrieben hat. Laut einer Studie des DZHW brechen in Deutschland ca. 28 Prozent der Studenten ihr Studium ab. Vielleicht um sich für ein anderes zu entscheiden oder sogar um (trotz Abitur!) eine Ausbildung zu beginnen.

Wichtig ist, dass man sich für die Option entscheidet, die in diesem Moment die richtige zu sein scheint. Und sollte sie sich zu einem späteren Zeitpunkt als die falsche herausstellen, so ist sie zumindest einmal die richtige gewesen.

In diesem Sinne hoffe ich, auch die „sehr geehrten Damen und Herren“ mit meinem Schreiben überzeugen zu können, um mich dann voller Entscheidungslust in Hildesheim einzuschreiben.

Wahrscheinlich..

Lena Nerb – Praktikant