Wie viele Streamingdienste haben Sie abonniert? Zwei? Drei? Fünf? Bei der heutigen Breite des Angebots ist es gar nicht so einfach, noch den Überblick zu behalten. Klar, Netflix und Spotify kennt jeder. Aber was ist mit Amazon Prime, Youtube Premium, Apple+, Disney+, HBO Now, Sky Go, Maxdome?…und das ist nur die Auswahl im Bereich Filme und Serien. Für Musik gibt es neben dem Platzhirsch Spotify noch Apple Music, Tidal, Deezer und die kostenpflichtige Variante von Soundcloud. Auch in der Videospielbranche wird das Thema Streaming immer relevanter. Bandbreiten, die vor einigen Jahren noch wie Science-Fiction klangen, ermöglichen es heute, ein vollwertiges Gaming-Erlebnis zu bieten, ohne dass der Nutzer etwas downloaden muss. Alles wird auf speziellen Servern berechnet, der Spieler bekommt nur noch das Bildsignal auf sein Endgerät geschickt.

Die Marschroute ist also klar: Streaming ist die Zukunft! Alles, was früher physisch erworben oder zumindest heruntergeladen worden wäre, muss heute „on demand“ verfügbar sein. Noch vor wenigen Jahren wurde mit dem Slogan „You wouldn’t download a car“ vor illegalen Downloads gewarnt, heute würde man wohl auch Autos streamen, wäre es technisch möglich. In dieser Goldgräberstimmung ist es nicht verwunderlich, dass inzwischen gefühlt jeden Monat ein neuer Anbieter hinzukommt. Immer größer wird das Angebot der hippen Startups, die ein maximal angenehmes Streaming-Erlebnis bieten wollen und nebenbei Millionen an Venture-Capital Kohle verbrennen. Zwischen Mubi, Watchr, Nebula und StreamOn (zwei davon habe ich mir ausgedacht, viel Spaß beim Raten) findet so jeder etwas nach seinem Geschmack. Eine schöne, neue Welt, in der niemand mehr Terabyte-weise seine Festplatte zumüllen muss und alles immer zur Verfügung steht – vorausgesetzt, die Internetverbindung spielt mit.

Jeder will ein Stück vom Kuchen

Klingt alles zu gut, um wahr zu sein. Und tatsächlich gibt es einiges, was im Streaming-Wunderland schiefläuft. Wie schon im vorherigen Absatz deutlich wurde, gibt es sehr viel Auswahl. Zu viel, für mein Empfinden. Das liegt einerseits daran, dass ich kein besonders entscheidungsfreudiger Mensch bin und mir immer eine Lösung wünsche, die möglichst alles kann. Andererseits finde ich die zunehmende Zerstückelung der Streaming-Kataloge problematisch. Vor einigen Jahren konnte man mit einem Netflix- und einem Amazon-Abo einen Großteil des Film- und Serienangebots abdecken. Wer heute Zugriff auf alles will, kommt damit nicht mehr weit – ein Problem, mit dem sich mein Kollege Thomas Seibold bereits letztes Jahr beschäftigte. Besonders deutlich wird das durch das jüngst an den Start gegangene Disney+, auf dem zukünftig die Mehrheit der IPs des amerikanischen Mediengiganten exklusiv abrufbar sein werden. Das umfasst längst nicht mehr nur Zeichentrickfilme. Nach einem spektakulären Deal über 71 Milliarden Dollar gehört mittlerweile die traditionsreiche Produktionsfirma 21st Century Fox inklusive all ihrer Marken zum kalifornischen Riesenkonzern. Mit den Marvel-Filmen und der Star Wars-Reihe sind außerdem zwei der größten Kino-Franchises aller Zeiten Teil des Disney-Portfolios. Wie lange diese Blockbuster noch außerhalb des hauseigenen Streamingdienstes zu sehen sein werden, ist also fraglich. Um doch alle spannenden Filme und Serien sehen zu können, sind viele Nutzer dazu übergegangen, beim jeweiligen Anbieter ein Abo abzuschließen und dann sofort wieder zu kündigen. In dem verbleibenden Monat kann man dann die exklusiven Highlights „binge-watchen“, also in kurzer Zeit am Stück schauen.

Weniger Geld, kürzere Songs

Bei den Musikstreamingdiensten ist dieses Phänomen glücklicherweise deutlich weniger ausgeprägt. Spotify dominiert den Markt und mittlerweile findet sich so gut wie jeder Künstler und jede Band auf der Plattform. Vereinzelt versuchten in den letzten Jahren sehr erfolgreiche Musiker ihre Marktmacht auszuspielen und handelten lukrative Exklusivdeals mit anderen Anbietern aus (Taylor Swift bei Apple Music, Beyoncé bei Tidal). Doch nach und nach wanderten auch ihre Alben auf Spotify. Das Musikstreaming hat aber seine ganz eigenen Probleme. Vor allem kleine, unabhängige Künstler bemängeln oft das fragwürdige Modell, nach dem der Konzern sie entlohnt – bei knapp vier Dollar pro tausend (!) Streams nicht verwunderlich. Ebenfalls gewöhnungsbedürftig ist, wie sich die Musik selbst durch die Mechanismen des Streamings verändert hat. Alben verlieren immer mehr an Bedeutung, Songs müssen hingegen im Kontext von Playlisten funktionieren. Eine Folge davon ist etwa, dass die durchschnittliche Länge eines Liedes heute fast zwei Minuten kürzer als in den 80ern ist. Kommt ein Song nicht zügig zum Punkt, wird er weggeklickt. Man hat ihn ja nicht gekauft. Für Musiker und Plattenfirmen ein Problem, denn Spotify wertet das Abspielen erst nach dreißig Sekunden. Springt der Hörer vorher zum nächsten Titel, gibt es kein Geld.

Gehört mir das?

Eben dieses Geschäftsmodell, dass man Filme, Musik und Co. nicht mehr besitzt sondern eher mietet, zieht ein völlig neues Verhältnis zwischen Mensch und Medium nach sich. Wenn man sich nicht mehr genau überlegen muss, für welche DVD, CD oder Vinyl man sein Geld ausgibt und stattdessen alles einfach auf Knopfdruck verfügbar ist, fällt es schwer, die Kunst in gleichem Maß wertzuschätzen. Zwar falle ich selbst in die Alterskategorie der „Millenials“ und bin mit dem Internet aufgewachsen, doch ich kann mich auch noch gut an das besondere Gefühl erinnern, in den Laden zu gehen und ein Album meiner Lieblingsband zu kaufen. Das gleiche Album heute zu streamen, ruft hingegen deutlich weniger Emotionen hervor. Ein weiterer Fallstrick dieser Form des Medienkonsums: Wenn mir der Film oder das Lied nicht gehören, können sie mir auch wieder weggenommen werden. Einen Film auf einer DVD kann ich mir solange ansehen, wie der Datenträger intakt ist. Löscht Netflix hingegen einen Film von seinen Servern, haben die Nutzer keinen Zugriff mehr.

Selbstverständlich gibt es noch weitere Aspekte des Streaming-Hypes, die kritisch zu sehen sind. Da wäre etwa die Abhängigkeit von einer guten Internetverbindung. In der Stadt kein Problem, auf dem Dorf aber oft ein Deal-Breaker. Oder die Frage, ob Abo-Modelle wirklich günstiger sind, als einfach nur die Medien zu kaufen, die man wirklich möchte. Nicht zuletzt rückte in den letzten Monaten auch die Klimaverträglichkeit der Streaminganbieter in den Fokus, da sowohl die gigantischen Serverfarmen als auch die Beförderung der Daten zu Smartphone und Co. Unmengen an Energie benötigen. In Zeiten von Klimanotstand und Fridays for Future kein besonders Image-fördernder Umstand.

Das Gute überwiegt

Wer nach dieser ausführlichen Tirade glaubt, ich würde Streamingdienste kategorisch ablehnen, irrt sich jedoch. Im Gegenteil, ich möchte mein Netflix- und Spotify-Abo nicht mehr missen. Zu bequem ist es, abends noch ein paar Folgen der Lieblingsserie zu schauen. Zu viele spannende Songs und Künstler habe ich in gut kuratierten Playlisten entdeckt. Zu gut ist das Preis-Leistungs-Verhältnis (vorausgesetzt, man teilt sich die Accounts mit der maximal möglichen Anzahl von Freunden und Verwandten). Trotz dieser Vorzüge sollte man sich aber einen kritischen Blick bewahren. Denn wie bei jedem Produkt gilt auch hier: nur wo Mängel erkannt werden, kann man diese beheben.