Jeden Morgen nach dem Aufwachen, nachdem ich mich noch einmal gestreckt und geräkelt habe, gilt mein erster Blick meinem Smartphone. Ich will wissen, wie spät es ist. Mein Handy nun schon in der Hand, lese ich anschließend noch im Bett die Nachrichten, die sich, während ich geschlafen habe, auf meiner Benachrichtigungsanzeige gesammelt haben. Das führt so ziemlich jedes Mal unweigerlich dazu, dass ich mich kettenreaktionsartig immer weiter in die Tiefe der digitalen Welt begebe und gar nicht bemerke, wie die Zeit um mich herum vergeht. Auch nach dem Aufstehen bricht die Nutzung meines Smartphones nicht ab. Auf der Toilette informiere ich mich noch schnell über das tagesaktuelle Zeitgeschehen, vor dem Spiegel stehend höre ich Musik oder einen Podcast. Beim Frühstück dann schaue ich mir zwei, drei Videos an. 

Zugegeben, das ist etwas drastischer dargestellt, als es ist. Denn oft muss es morgens auch einfach schnell gehen. So höre ich während meiner Morgenroutine zwar Musik oder einen Podcast, das erste intensive Checken der auf mich wartenden Benachrichtigungen und Neuigkeiten findet dann allerdings erst in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit statt. Doch es findet in jedem Fall statt. Als Angehöriger einer der ersten Generationen der Digital Natives prägen digitale Geräte seit Kindesbeinen an meinen Alltag. Solche Tage, wie ich sie beschrieben habe, sind daher, vor allem aber an Wochenenden, leider keine Seltenheit. Jedoch nur dann, wenn ich alleine bin. Bin ich mit meinem Freunden unterwegs oder verbringe ich meine Zeit bei meiner Familie, habe ich das Handy teilweise stundenlang nicht in der Hand. Ein Problem habe ich also nicht. Oder doch?

So halten dich Facebook, Google & Co. am Bildschirm

Natürlich haben die Unternehmen hinter den von mir benutzten Apps Tricks, wie sie mich am Bildschirm halten können. So kommt es vor, dass mir Benachrichtigungen, die für mich interessant sind, vorenthalten werden. Die den Apps zugrundeliegenden Algorithmen berechnen, wann ich Gefahr laufe, das Handy beiseite zu legen. Im genau richtigen Augenblick, lassen sie mir dann die erst vorenthaltenen Benachrichtigungen zukommen. Instagram bleibt in dieser Hinsicht weniger subtil: Möchte ich die Anwendung schließen, muss ich dafür zwei Mal auf den „Zurück“-Button drücken. Beim ersten Drücken bringt mich die App zurück an den Anfang des Newsfeeds und aktualisiert sich automatisch. Erst beim zweiten Drücken schließt sich die App. Oft kommt es also dazu, dass ich, obwohl ich die Anwendung eigentlich beenden wollte, doch noch einmal durch meinen Feed scrolle, weil mir noch etwas angezeigt wird, das mich interessiert.

Man versinkt im sogenannten „Rabbit Hole“, dem Kaninchenbau. Damit ist ein langer und stark verzweigter Tunnel gemeint, der scheinbar kein Ende nimmt. So kann man in den allermeisten sozialen Netzwerken die Timeline oder den Newsfeed endlos nach unten scrollen und immer wieder verschiedene Abzweigungen zu noch mehr endlos scheinenden Timelines nehmen. Kannst du nichts Neues mehr finden, gehst du einfach zurück an den Anfang und wischst mit dem Finger auf dem Bildschirm nach unten. Diese „Pull to Refresh“ genannte Strategie aktualisiert deinen Feed und zeigt dir die neusten Posts, News oder Events an. Und da du bereits einige Zeit mit dem ersten Durchscrollen verbracht hast, gibt es auf jeden Fall neue Beiträge zu sehen. So kannst du dich endlos lange mit deinem Newsfeed beschäftigen. 

Einsicht ist der erste Schritt…

Auch ich merke, während ich diesen Beitrag schreibe, wie sehr mein Handy mich im Griff hat. In jeder kleinen Denkpause gucke ich, ob sich in der Zwischenzeit meine Benachrichtigungsanzeige mit Benachrichtigungen gefüllt hat. Das mag daran liegen, dass ich schon aufgrund des Themas oft an mein Smartphone denke. Denn alleine daran zu denken, dass ich neue Benachrichtigungen haben könnte, weckt in mir das Verlangen, mein Handy in die Hand zu nehmen. Sehe ich die blaue, grüne, gelbe oder rote Leuchtiode blinken – die Farben stehen dabei für die verschiedenen Apps – habe ich keine andere Wahl: Ich muss nachsehen. 

Obwohl ich mir darüber im Klaren bin, dass nur ein minimaler Anteil der auf mein Smartphone eingehenden Benachrichtigungen sofortigen Handlungsbedarf erfordert, macht sich in mir schnell das Gefühl breit, etwas Wichtiges zu verpassen. In der Psychologie gibt es dafür einen Begriff: FoMO. Das steht für „Fear of Missing Out“, sprich die Angst etwas zu verpassen. Betroffene überkommt bei dem Gedanken, nicht mehr auf dem Laufenden zu sein, ein Gefühl der Beklemmung und Besorgnis. Behandeln lässt sich diese Angst womöglich schon durch das simple Abschalten sämtlicher Benachrichtigungen oder indem man das Smartphone auf stumm schaltet.

…zur Besserung.

Um meine längst zur Gewohnheit gewordene Smartphone-Nutzung in geordnete Bahnen zu lenken, habe ich mich jetzt dazu entschlossen, mein Handy als das zu sehen, was es eigentlich sein sollte: Ein Mittel zum Zweck. Wer mich erreichen will, wird das auch zukünftig noch schaffen. Jedoch nur über WhatsApp oder den guten alten, mittlerweile aber leider zur Rarität verkommenen Anruf. Denn ich deaktiviere nicht nur sämtliche Benachrichtigungen sämtlicher anderen Anwendungen auf meinem Mobilgerät, sondern deinstalliere unter anderem auch meine am meisten benutze App: Instagram. Möchte ich dennoch up to date bleiben, was die Aktivitäten meiner Freunde betrifft, werde ich das soziale Netzwerk in Zukunft auf dem Laptop nutzen. Nicht nur die Tatsache, dass ich meinen Laptop fast immer zu Hause lasse, sondern auch die in der Browseransicht mehr schlecht als recht funktionierende – da eigentlich für Mobilgeräte entwickelte – Benutzeroberfläche, wird die Zeit, die ich in die Nutzung des Facebook-Dienstes stecke, reduzieren.

Ob das hilft, bleibt abzuwarten. Denn erfahrungsgemäß ist es leichter, mit dem Rauchen aufzuhören, als seine „FoMO“ zu überwinden. Und natürlich ist meine Handynutzung bisher noch alles andere als problematisch. Aber dennoch könnte ich die Zeit, die ich online verbringe, besser nutzen. Ich bleibe also am Ball.