Fast jeden Morgen sehe ich sie. Sie gehören zu meinem Alltag hier in Ulm, wie der Blick auf das Münster, wenn ich morgens das Fenster öffne.
Dass sie da sind, fällt mir schon kaum mehr auf. Doch wie so oft im Leben bemerke ich erst, dass sie da waren, wenn sie verschwunden sind: Die Menschen, denen ich eigentlich jeden Tag begegne, von denen ich aber gar nichts weiß. So war es für mich beispielsweise schon zur Routine geworden, dass mich der ältere Herr mit Rauschebart, dessen Zuhause die Parkbank an der Blau schien, jeden Tag mit einem freundlichen „Moin, Moin!“ grüßte.
Meistens die ersten Worte des Tages, die an mich gerichtet waren.
Worte, denen ich keinerlei Bedeutung zumaß, bis sie vor zwei Wochen plötzlich aufhörten, auf mich zu warten. Denn seitdem fehlt auch von ihrem Absender mit der nikolausähnlichen Gesichtsbehaarung jede Spur. Ich begann mich zu fragen: Wohin ist er gegangen? Woher ist er gekommen? Und: Was sind Dinge, die seine versteckten Mundwinkel dazu bewegen, sich zu heben?
Fragen, auf die ich selbst mit Wikipedia, Mindmaps oder Gleichungen mit drei Unbekannten keine Antwort finden werde. Denn der eine Unbekannte wird immer ein X in meinem Leben bleiben, auch wenn ich ihn so oft gesehen habe.
So gibt es viele Menschen mit denen wir zusammen leben, aber eben doch nur aneinander vorbei. Voll peinlicher Angst vor Berührung tänzeln wir mit Kopfhörern und Scheuklappen durchs Leben und weichen hastig aus, sobald uns jemand zu nahe kommt. Dabei ist dieses verkrampfte Miteinander (bzw. Nebeneinander) keineswegs unserer Natur entsprechend, sondern will erst durch jahrelange Erziehung antrainiert werden.
„Starr den Mann nicht so an!“ zischte eine junge Mutter ihrer kleinen Tochter letztens in der S-Bahn zu. Auch wenn der besagte ältere Herr mit dunkler Hautfarbe dem Kind freundlich zulächelte, wandte dieses nun gehorsam seinen Blick wieder der vorbeirauschenden Gebäudelandschaft vor dem Fenster zu. Als stummer Beobachter der Situation schenkte ich dem Mann, der nun seinerseits auch nach einem Fixpunkt für seine Augen suchte, ein Lächeln.

Denn schon mit einem kleinen Lächeln lässt sich der Tag eines Menschen ganz einfach ein bisschen bunter gestalten. Deshalb versuche ich morgens auf meinem Weg in die Magirusstraße, möglichst oft nicht auszuweichen, sondern ein Leben, und sei es nur mit einem Lächeln, zu streifen. Denn: Bekommt man ein Lächeln zurück, ist es schön und auch wenn die andere Miene starr bleibt, verliert man nichts, sondern wird allein durch die Bewegung der eigenen Mundwinkel selbst ein wenig glücklicher, wie Walter Schmid in einem Artikel schreibt.
(Für Interessierte: Ich finde eine schöne Geschichte zu diesem Thema ist die von den kleinen Leuten in Swabedoo. Mir gefällt der Gedanke, dass unsere Pelzchen nicht ausgehen werden, aber nur glücklich machen, wenn man sie verschenkt.)

Vielleicht ist der aktuelle (unfreiwillige) Verzicht auf mein Smartphone der Auslöser dafür, dass mir zur Zeit immer deutlicher wird, wie sehr wir uns in unserer Gesellschaft aus dem Weg gehen. Zumindest offline.
Im Internet sieht die Welt nämlich ganz anders aus. Vier von fünf Internetnutzern sind laut einer Studie von bitkom in sozialen Netzwerken unterwegs.
Denkt man über die Worte „der Mensch als soziales Wesen“ nach, scheint diese Statistik auch ziemlich einleuchtend. Jeder gesunde Mensch hat das Bedürfnis nach anderen Menschen. Jeder gesunde Mensch hat das Bedürfnis, sich mitzuteilen. Oder woher sonst kommen die täglichen Fotos vom Mittagessen meiner Facebook-Freunde?!
„Geht das nicht auch im Real-Life?“, habe ich mir gedacht und bin in der Mittagspause vor ein paar Tagen auf eine Frau zugegangen, um sie zu fragen, über was sie sich denn heute besonders gefreut habe. Die Antwort klang simpel und statt mit einer Liste aus 500 virtuellen Kontakten hat sie diese nur mit mir geteilt: „Über mein Mittagessen. Es gab Kartoffelbrei mit Soße.“ Neben der Idee, selbst auch mal wieder Kartoffelbrei zu kochen, entwickelte sich daraus ein kurzes Gespräch und außerdem entlockte der Gedanke an ihr Mittagessen (oder war es die Verwunderung über meine Frage) der Frau ein ansteckendes Lächeln.

Aber weshalb erntet man denn eigentlich grundsätzlich erst mal verwunderte Blicke, sobald man mit einer fremden Person ein Gespräch beginnt? Diese Frage hat Mohammed und mich erst letzte Woche beschäftigt. Mohammed stammt aus Gambia, wohnt seit drei Jahren in Deutschland, spricht fünf Sprachen fast fließend und versteht die Deutschen doch nicht. „Ich habe in Friedrichshafen am Bodensee gelebt“, erzählte er mir. „Dort sind die Menschen noch viel verschlossener.“ In Ulm sei es da schon einfacher, sich mit unbekannten Leuten zu unterhalten. Stimmt dieses Gerücht von uns süddeutschen Eigenbrötlern also wirklich? Nachdem wir uns ungefähr eine halbe Stunde unterhalten hatten muss Mohammed weiter. Er schwingt sich auf sein Rad, grinst mich an und ist aus meinem Leben verschwunden. Die Erinnerung an das nette Gespräch und einige Fragen aber bleiben in meinem Kopf bestehen.
So zum Beispiel folgende: Müssen wir erst in Metallkäfige gesperrt werden, damit wir uns mit scheinbar fremden Personen auseinandersetzen?
Um am Wochenende von Ulm zu meinen Freunden und meiner Familie nach Wangen zu kommen, nutze ich meistens die Mitfahrzentrale blablacar. Wie der Name schon sagt ergeben sich hier neben einer günstigen Möglichkeit, von A nach B zu kommen, auch zahlreiche nette Gespräche und Freundschaften, die ohne das Auto als fesselnde Rahmenbedingung nicht zustande gekommen wären. Erst gestern bin ich wieder in das Auto von Nati gestiegen und für eine Stunde in ihr Leben eingetaucht; um zu erfahren, dass die neue Waschmaschine jetzt funktioniert, wie es in ihrem Job läuft und was sie am Wochenende unternommen hat. Natürlich habe ich auch von mir erzählt und auf eine ganz besondere Art und Weise tut es jedes Mal gut, mit jemandem zu sprechen, der nicht glaubt, mich zu kennen. Laut Max Frisch ist auch das der Grund warum wir reisen.
„Damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für alle Mal, damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei“ [Max Frisch: Du sollst dir kein Bildnis machen]
Doch warum sollte man für diese spannende Erfahrung verreisen müssen? Warum beginnen wir nicht einfach direkt mit den Menschen, die wir täglich sehen und von denen wir eigentlich gar nichts wissen? Denn solange nicht Angela Merkel oder George Clooney in Ihrem Pass steht, wird diese Person ähnlich wenig Ahnung von Ihnen haben, wie umgekehrt.
Wenn Sie sich also das nächste Mal fragen sollten, über was der Mann auf der Parkbank sich heute den Kopf zerbricht, dann nehmen Sie sich ein Herz und fragen Sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihn.

Ich werde es tun. Mit einem Lächeln.

Lena Nerb – Praktikant