Diese Überzeugung zog sich wie ein roter Faden durch das Leben des schwedischen Schriftstellers und Theaterregisseurs Henning Mankell, der letzten Montag im Alter von 67 Jahren viel zu früh verstorben ist. Die Werke von Mankell haben mich bisher mein halbes Leben lang begleitet: Mit großer Begeisterung las ich bereits mit dreizehn Jahren seinen Jugendroman Das Rätsel des Feuers, gefolgt von Der Chronist der Winde, ehe ich als Erwachsene, mit einer Vorliebe für schwedische Krimis, seine Kurt Wallander-Serie regelrecht verschlungen habe.

Mankell_FotocollageEgal, ob die Schauplätze seiner Bücher nun in Schweden oder seiner temporären Wahlheimat Mosambik spielten, eines hatten sie doch stets gemeinsam: Sie deckten gesellschaftliche Missstände auf und zwangen ihre Leser sich mit unbequemen Tatsachen und Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Dies gilt beispielsweise auch für sein Werk Der Chinese, welches sich mit dem Schicksal asiatischer Zwangsarbeiter zu Zeiten des amerikanischen Eisenbahnbaus beschäftigt, sowie dem Thriller Kennedys Hirn, in welchem die korrupten Machenschaften eines Pharmakonzerns nach und nach enthüllt werden.

Als politischer Aktivist und Friedenskämpfer schrieb Mankell aber nicht nur über Unrecht, sondern tat auch etwas dagegen. Sein beständiger Einsatz gegen Armut und Analphabetismus waren 2011 Gegenstand einer Diskussionsrunde mit Alt-Bundespräsident Dr. Horst Köhler zum Thema Schicksal Afrikas – Welche Werte entscheiden? an meiner ehemaligen Universität in Tübingen. Neben dem Einsatz für seinen „Seelenkontinent“ zeigte sich Mankell, der bereits in der 68er-Bewegung aktiv gewesen war, zudem stets solidarisch mit den Anliegen der Palästinenser. „Meine Zeit zwischen Afrika und Europa aufzuteilen, hat mir Perspektiven und Distanz geschenkt, und ich glaube, es hat mich zu einem besseren Menschen gemacht“, lies er auf seiner Webseite verlauten. So wie Mankell mehr als ein halbes Leben zwischen zwei Ländern pendelte, verstand er es sowohl seiner Liebe zum Schreiben als auch zum Theater Ausdruck zu verleihen. So schrieb er nicht nur Romane, sondern inszenierte ebenfalls Theaterstücke. Dies geschah immer mit dem Ziel die „Gesellschaft zu demaskieren“. Was er 1966 als Regieassistent am Riks-Theater in Stockholm begonnen hatte, vollendete er 1986 als ehrenamtlicher Intendant des Teatro Avenida in Maputo. Diese Position hielt er bis zu seinem Tod inne.

Die europäische Einwanderungspolitik war ein weiteres zentrales Thema in Mankells Arbeiten. Der Autor plädierte stets für einen humaneren Umgang mit Flüchtlingen und hat sich wie kaum ein anderer Schriftsteller für die Verbesserung ihrer Situation eingesetzt. In vielen seiner Kriminalromane –man denke nur an Mörder ohne Gesicht von 1991- wird die schwedische Gesellschaft auf schlimme Zustände im Umgang mit Asylanten aufmerksam gemacht. Mankell fand für den mangelnden europäischen Einsatz klare Worte: „Es kann nicht sein, dass Menschen versteckt in Schiffscontainern sterben. Ich schäme mich dafür. Ich bin kein Kritiker der europäischen Asylpolitik, ich bin ein Kritiker am Mangel an Asylpolitik in Europa.“

Henning Mankell ist nun zu einem Zeitpunkt seinem Krebsleiden erlegen, an welchem kein Tag vergeht, an dem wir nicht von der Ankunft neuer Flüchtlinge auf europäischem Boden erfahren. Abendliche Fernsehdiskussionen zu den Themen Migration, Integration und Asylpolitik sind fast schon alltäglich geworden. Die Tatsache, dass nun aufgrund der enorm gestiegenen Flüchtlingszahlen endlich gehandelt wird und ein Umdenken in der Einwanderungspolitik einsetzt, hätte Mankell mit Sicherheit mehr als begrüßt.

Am Ende von Mankells Leben steht ein umfangreiches literarisches Vermächtnis. Seine Bücher wurden mehr als vierzig Millionen Mal verkauft. Die berühmteste literarische Schöpfung Mankells ist zweifelsohne der knurrige und eigensinnige Kriminalkommissar Kurt Wallander aus dem schwedischen Provinzstädtchen Ystad. Als Krimi-Leser durften wir Wallander nicht nur bei der Aufklärung von meist überdurchschnittlich brutalen Mordfällen begleiten, sondern auch beobachten, wie dieser mit all seinen menschlichen Schwächen, Eigenheiten und Fehlern zu kämpfen hatte. Seinen Job übte Wallander stets mit Hingabe, Präzision und großem Erfolg aus, während er in seinem Privatleben –inklusive Scheidung, zeitweisem Verfall an den Alkohol und am Ende mir der Diagnose Alzheimer- oftmals an seine Grenzen stieß. Gerade diese Mischung machte die Krimis so faszinierend, dass man sie kaum aus den Händen legen konnte.

Ebenso offensiv wie die dargestellten Themen behandelte er auch seine Krebsdiagnose, die er im Januar 2014 erhalten hatte. Sein Buch Treibsand, welches seinen Umgang mit der Krankheit darstellt, ist aber weniger die traurige Dokumentation eines Leidensweges, sondern vielmehr eine philosophische Abhandlung darüber, „was es heißt, ein Mensch zu sein“. Mankell schreibt in seinem letzten und persönlichsten Buch: „Wir müssen alle sterben, aber vorher können wir leben.“ Er hat sein Leben in den Dienst Afrikas gestellt und sich stets für die Notleidenden dieser Welt eingesetzt. Das gelang ihm durch die kontinuierliche Behandlung dieser Themen in seinen Werken. Dafür kann man ihm wohl nicht nur als begeisterter Leser dankbar sein.

Ihre
Annika Rasch