„Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ Mit dieser Frage kann man Menschen jeden Alters vor echte Probleme stellen. Auch ich gehöre zu den Kandidaten, die bei einem Projektionsversuch im Nirwana landen. Die Unfähigkeit, „echte“ Ziele zu visualisieren und konsequent zu verfolgen ist aber auch ein Phänomen, das viele Unternehmen umtreibt. Business- und Life-Coaches verdienen sich goldene Nasen bei dem Versuch, Geltungsbedürfnisse, Verwirklichungs- sowie Machtfantasien zu kanalisieren und in eine konstruktive, messbare Zieldefinition zu gießen. Die vermeintlich bedrohliche Ziellosigkeit ist meines Erachtens aber gar nicht so tragisch. Sie ist möglicherweise nur das Ergebnis verschiedener Denkmuster. Während die einen sich fragen, „Wo“ sie an einem bestimmten Punkt im Leben stehen möchten, machen sich die anderen vielleicht eher über das „Wie“ Gedanken – also vielleicht: Welche (Charakter)Eigenschaften sollen mich in fünf Jahren am besten beschreiben? Sprich: Wie möchte ich sein? Der Weg ist bei beiden Denkmustern gleich. Es geht immer in Richtung Zukunft, weil zurück schlichtweg unmöglich ist. 

Zieldefinition: Eine Frage von Standort oder Geisteshaltung

Zieldefinition verbindet stets die Positionsbestimmung, mit den notwendigen Ressourcen und dem Weg

Bevor ich mich mit den Wie- und Wo-Menschen beschäftige, schauen wir kurz auf die Unterschiede der beiden W-Fragen: Das Wo beschreibt für Menschen und Unternehmen eine avisierte Position in der Zukunft – es sind die Koordinaten innerhalb unseres gesellschaftlichen bzw. ökonomischen Systems, die wir durch das Erreichen verschiedener Ziele einnehmen wollen. Hierfür macht es Sinn, die Zieldefinition messbar zu gestalten: In einem Jahr möchte ich schlank sein, ist blöde. Nicht nur weil das eh nicht funktioniert, sondern weil es ohne rechnerischen Bezugsrahmen und gesellschaftlicher Metrik, was denn nun schlank bedeutet, nix taugt. Es müsste also mindestens heißen: In einem Jahr möchte ich fünf Kilogramm abnehmen. Noch besser (und gesünder): In einem Jahr möchte ich meinen Körperfettanteil um zehn Prozent reduzieren.

Im unternehmerischen Kontext finden wir oftmals ähnlich schwammige Zielformulierung wie: Kundenzufriedenheit erhöhen, Service verbessern, erfolgreiche Kundenakquise betreiben. Diese Ziele sind unspezifisch und nicht quantifiziert, lassen sich somit nicht messen und zeigen keinerlei Kontext zu den dafür notwendigen Ressourcen und Werkzeugen auf. Letzteres ist im Übrigen entscheidend für die Zielerreichung. Eine Zieldefinition ohne Bezug zu den dafür notwendigen Ressourcen ist der Mühe nicht wert. 

Zieldefinition und der Happy-Index 

Bevor wir uns nun dem Wie zuwenden, werfen wir noch kurz einen Blick auf den Glücksmoment eines Ziels – ja, klingt komisch, ist aber wichtig. Viele Menschen erleben bei persönlichen Zielen wie Haus, Auto, Geld, Muskeln oder junge Frauen den Antrieb des „haben Wollens“. Und das ist nur zu verständlich. Doch was macht man damit, wenn man es hat? Man will das nächste Haus, noch ein Auto und noch knackigere Damen. Diese Endlosschleife ist der Tatsache geschuldet, dass die wenigsten sich damit befassen, was sie mit dem zu Erreichenden eigentlich erreichen wollen. Also die Frage nach dem positiven „Ergebnis-Gefühl“. Ähnlich ergeht es Firmen. Kontinuierliches Wachstum ist für einen unternehmerischen Organismus lebensnotwendig. Doch auch in Firmen darf sich die Frage gestellt werden: Und dann? Welche Auswirkung hat das Ziel auf meinen Unternehmenszweck?

Die Kunst des Lächelns

Kleiner Einschub zur Verdeutlichung: Warum lächeln wir andere an? Weil sie dann zurücklächeln, wenn wir Glück haben! Hä? Unsere Amygdala, der emotionale Steuermann unseres Gehirns, überflutet unseren Organismus mit körpereigenen positiven Gefühlsdrogen, wenn Menschen uns anlächeln. Und weil wir unsere Chancen vergrößern angelächelt zu werden, wenn wir andere anlächeln, lächeln wir. Puh. Ergebnis: Wenn wir also wissen, dass wir kostenlose Feel-Good-Drogen bekommen, wenn wir andere durch unser Lächeln zum Lächeln bringen, dann ist es uns ein Leichtes, viel öfter zu lächeln. Getreu dem Motto: Mach, was dich glücklich macht. Nur muss man dafür wissen, was glücklich macht und warum es so ist.

Die Frage nach dem „Wo siehst du dich in fünf Jahren?“ lässt sich also leichter beantworten, wenn man sich fragt „Wie will ich mich in fünf Jahren fühlen und wie erreiche ich das?“.

Bemühen wir nochmals das Schlankheitsbeispiel und wagen einen Versuch:  Ich möchte mich in den kommenden fünf Jahren auf den Weg machen, in einem inneren Gleichgewicht aus Körper, Geist und Seele zu leben. Ich starte mit meinem Körper, denn er ist der Tempel von Geist und Seele (Das nehmen wir an dieser Stelle jetzt einfach mal an, sonst wird es zu kompliziert). Deshalb ist es mein Ziel, meinen Köperfettanteil, um jährlich x Prozent zu senken. Und das erreiche ich durch 40 Minuten Sport an fünf Tagen in der Woche, plus einmal Yoga und eine ausgewogene Ernährung, und so weiter. Im Ergebnis erreiche ich eine sehr gute körperliche Verfassung, die sehr wahrscheinlich mit Schlanksein einhergeht. Klingt anstrengend könnte aber klappen. Denn diese Formulierung bietet einen attraktiven Happy-Index, eine messbare Zielgröße sowie die konkrete Ressourcenallokation. So soll das sein.

Zieldefinition mal anders

Diese Fragetechnik ist auch im unternehmerischen Kontext vielversprechend, da man sich bei der Ableitung der strategischen Schlüsselfaktoren zur Zielerreichung leichter tut. Dazu gibt es übrigens einen weiterführenden Blog-Beitrag, auf den ich an dieser Stelle gerne verweisen möchte. So viel sei jedoch hier noch erwähnt: Man findet diese Schlüsselfaktoren am effizientesten, indem man die Prinzipien der Bedürfnisorientierung anwendet und sich zwei Frage beantwortet:

  • Welche Bedürfnisse hat meine Kunde in Bezug auf das von mir definierte Ziel?
  • Auf welche Weise erfüllen wir diese Bedürfnisse?

Zur Verdeutlichung ein zweiter Versuch: Ich möchte in spätestens drei Jahren erreichen, dass mich meine Kunden bei Trustpilot in 95 Prozent aller Bewertungen als zuverlässigsten und sehr serviceorientierten Partner (Metrik erfolgt in Sternen) beschreiben. Deshalb ist es mein Ziel, meine Service-Organisation zu optimieren, in dem ich die Lieferzeiten von x auf y verkürze, maximale Transparenz und Rückverfolgung aller Wege und Logistikzeiten sicherstelle sowie Reaktions- und Antwortzeiten von y auf z optimiere. Dies erreiche ich, indem ich die zugrundeliegende IT-Infrastruktur und Technik sowie die bestehende Logistikflotte mit einem Investitionsvolumen von xx auf den neusten Stand bringe, die Belegschaft im Servicebereich um y Prozent aufstocke und ein Investitionsvolumen von z in die kontinuierliche Aus- und Weiterbildung meine Mannschaft stecke. Und? Happy-Index, messbare Ziele und Ressourcenallokation sind klar und machbar. 

Schwitzen, schnaufen, glücklich sein

Es ist erstaunlich, wie schnell eine Frage an Bedrohlichkeit verliert, wenn man den Blickwinkel verändert. 

Als eingefleischte Bergziege kann ich es so beschreiben: Menschen, die auf Berge rennen nur um oben anzukommen, verpassen fast alles, was das Laufen am Berg so einzigartig macht. Wenn man läuft, sollte man mit allen Sinnen gehen. Mit Freude und Schweiß. Mit Muskelkater und tiefem Atem. Und dann steht man auf dem Gipfel. Es geht nicht ums Ziel, sondern um den Weg und die Art, wie man dorthin kommt – die Haltung. Wer losläuft, kommt am Ende immer oben an. Der eine quatschend, der andere mit hängender Zunge, der dritte mit toller Technik und Ehrenurkunde, der vierte glücklich. 

Herzlich

Ihre

Monika Nyendick