Darf ich Sie mit „Du“ ansprechen?
Oft ist es gar nicht so leicht, zu entscheiden, ob man beim Sie bleiben soll oder zum Du übergehen kann. Ohne Zweifel bleiben ältere Generationen bei der guten, alten Sie-Anrede. Der aktuelle Trend zur sogenannten Duz-Kultur sorgt jedoch für einen Wandel der vergangenen Prinzipien. Wer heute gesiezt wird, empfindet die höfliche Betitelung nicht immer als Zeichen des Respekts und der Anerkennung, sondern als Konfrontation mit dem eigenen Alter.

Gleich und gleich duzt sich gern

 Von der Anrede in E-Mails zu langen Plauderstunden mit meinem Fahrlehrer bis hin zu Fragen an meine aktuellen Arbeitskollegen. Das ,,Sie‘‘ scheint mich immer und überall zu verfolgen (leider nicht zugunsten meiner Mitmenschen). Erst im Gespräch mit Gleichaltrigen oder Jüngeren verleitet meine Kondition zum Duzen. Wofür stehen die unterschiedlichen Etiketten und in welchem Kontext verwenden wir sie? Das ,,Du‘‘ schafft laut Claas Christian Germelmann, Professor für Marketing und Konsumentenverhalten an der Universität Bayreuth, das Gefühl von Intimität, Vertrauen und Zugehörigkeit. Das ,,Sie‘‘ wiederum suggeriert Respekt und Bewunderung und sorgt für gegenseitigen Freiraum. Berücksichtigt man diese Eigenschaften, lässt sich schnell ein Muster ablesen. Im Umgang mit Menschen desselben Alters fühlt man sich oft ungezwungener und wohler. Barrieren können schneller abgebaut werden, sodass auf die höfliche Form verzichtet wird. Umgekehrt wird im Gespräch mit einem Unbekannten oder einer Autorität zur formellen Anrede tendiert. Auf diese Weise wird Nähe durch Distanz geschaffen, ohne sein Gegenüber einzuengen.

Duz-Kultur: ein Wertewandel

Entnommen aus dem Englischen, wo es im rein Sprachlichen schon keinen Unterschied zwischen den zwei Pronomen gibt, wird die Du-Titulierung immer häufiger im Alltag verwendet. Nicht immer war diese Parole üblich. So sprachen sich Menschen im 16. Jahrhundert noch mit ,,Ihr‘‘ an, wobei Einzelpersonen bewusst mit der zweiten Person Plural angesprochen wurden. Damals fragte man also theoretisch nicht ,,Möchten Sie ein Eis haben?‘‘, sondern ,,Möchtet Ihr ein Eis haben?‘‘. Auf dieser Weise wird jemand aus Höflichkeit nicht direkt angesprochen, sondern wie mehrere Personen behandelt. Das Gegenteil kann in der heutigen Gesellschaft wahrgenommen werden, in der das kollektive ,,Du‘‘ unseren Sprachgebrauch prägt. Grund für diesen Trend ist der stetig wachsende Wunsch nach Nähe und Entgrenzung. Neben den Sozialen Medien, in denen die höfliche Betitelung fast schon unauffindbar ist, wünschen sich selbst Senioren immer öfter die einfache Anrede. Beziehung und Vertrautheit sind die Schlagwörter, die in beiden Fällen durch das informelle Pronomen gestärkt werden sollen. Am deutlichsten wird es jedoch in Unternehmen, die das gegenseitige Duzen zum Standard machen. Dabei soll der freundliche Umgangston für eine Kommunikation auf Augenhöhe sorgen und gleichzeitig das kollegiale Miteinander fördern. Was also vor 50 Jahren noch undenkbar war, ist heute Gang und Gäbe.

Kein richtig oder falsch

,,Einfach dem neuesten Trend folgen, dann kann ja nichts schiefgehen.‘‘ Diese Empfehlung ist leider nicht immer richtig, denn die höfliche Anrede ,,Sie‘‘ bleibt oftmals wünschenswert. Besonders in Situationen, in denen wir Wertschätzung zeigen wollen, ist die konventionelle Form angebracht. Allgemein gibt es zwischen den Benimmdogmen kein richtig oder falsch. Welche Variante besser ist, wird nach Thema, Marke und Nische unterschieden. Die Entscheidung kann lediglich nur durch die Einschätzung seines Nächsten und dessen Umfeld fallen. Andernfalls reicht ein einfaches Fragen nach der erwünschten Anrede, um den Anblick von unangenehmen Gesichtsausdrücken zu vermeiden.