Tipps zum Unterbinden des Nominalstils

Die folgenden Überlegungen und Handreichungen sind der Verpflichtung geschuldet, das ernsthafte In-Angriff-Nehmen von Schritten zur Verhinderung des Überhandnehmens von Substantivierungen beim Verfassen von Texten mit ungewollter Nominalstil-Ausrichtung durch geeignete Wegebnungs- und Hindernisüberwindungs-Tipps voranzutreiben…

Wenn derartige Satz-Ungetüme auftauchen, in denen vor lauter Substantive kaum mehr die Verben zu erkennen sind, handelt es sich um den sogenannten Nominalstil. Hier gilt es, vorsichtig zu sein. Warum? Da gibt es eine ganze Reihe von Gründen:

„Ähhhh – wie jetzt…?“

Einer der wichtigsten ist: Der hölzerne Stil dieser Sätze behindert eher die Verständlichkeit dessen, was gesagt werden soll, als sie zu befördern. Zugegeben – es gibt natürlich Situationen, in denen dieser Effekt ja gerade erwünscht ist, wie so manche Auslassungen politischer oder wirtschaftlicher Interessenvertreter zeigen. Auch in Gesetzestexten oder im bürokratischen Schriftverkehr wimmelt es von Beispielen, bei deren Lektüre sich Reaktionen wie staunendes Stirnrunzeln, verständnisloses Kopfschütteln und prustendes Gelächter leicht einstellen können.

„Wer sagt das? Woher stammt das?“

Der Nominalstil birgt die Gefahr, wichtige Details in den Dunst des Allgemeinen zu verbergen: „Zur Begründung der Auffassung ist der Hinweis auf die Berücksichtigung der vorliegenden Argumentation berechtigt, derzufolge …“ Ergibt sich der Bezug nicht eindeutig zum vorhergehenden Satz oder Abschnitt, bleibt der oder die Lesende hierbei mit Fragen zurück: Welche Auffassung? Warum ist das berechtigt? Und vor allem: Wer sagt das? Einfacher wäre doch zu sagen: 1. „A und B vertreten die Auffassung, dass …“ 2. „Sie begründen dies damit, dass…“

„Wie ist das jetzt gemeint?“

Jenseits eindeutiger Festlegungen ist das Reich des Nominalstils das der Mehrdeutigkeit. Wer hat noch nicht in endlosen Meetings Nebelkerzen-Sätze gehört wie diesen: „Der noch offene Punkt der Investitionsgewährung (Stellenbesetzung, Messeteilnahme, etc.) sollte kurzfristig erörtert werden.“ Derartige Sätze verhindern eher ein genaues Verstehen. Wird die Investition nun bewilligt oder nicht? Soll an der Messe teilgenommen werden? Ist hierüber bereits gesprochen worden? Soll die Entscheidung hierüber verschoben werden?

„Ach so, ja dann wird es wohl so sein“

Substantive und die aus Verben gewonnenen Substantivierungen (z.B. einreichen/Einreichung, berücksichtigen/Berücksichtigung) klingen nach vollendeten Tatsachen, da sie aus einer Handlung ein dingartiges Substantiv machen. Das verleiht ihnen sachliche Substanz und offizielle Gültigkeit – eine Qualität die vor allem in Gesetzestexten und in der Kommunikation mit Behörden zur Geltung kommt. Die Objektivierung spielt hier eine entscheidende Rolle. Statt personaler Äußerungen wie „Herr Müller empfiehlt die Anschaffung der IT-Lösung, weil sie alle Anforderungen erfüllt“ oder „Frau Maier ist der Meinung, dass Herr Mustermann für die Stelle ungeeignet ist“ – gaukeln Verallgemeinerungen oft beglaubigte und anerkannte Wahrheit oft nur vor oder verschleiern tatsächliche Intentionen: „Die Expertenmeinung ist der Ansicht, dass die Anschaffung der IT-Lösung ein notwendiger und investitionssichernder Schritt in die Zukunft ist“, „Die Eignung von Herrn Schmidt sollte noch einer eingehenden Prüfung unterzogen werden“. – Die Reihe an Substantivierungsbeispielen ließe sich beliebig fortsetzen. Nicht erwähnt sind zum Beispiel beliebte Kopplungswörter wie etwa „In-die-Hose-Gehen“, „Auf-die-Nerven-Fallen“ oder „Aufs-richtige-Gleis-Setzen“.

Eine kleine Lanze für Substantivierungen

Bei aller vorigen Kritik am Nominalstil sollte nicht vergessen werden, dass der dezidierte Gebrauch von Substantivierungen durchaus sinnvoll sein kann und vorteilhaft ist. Das rührt nicht nur daher, dass manche dieser Wörter es bis zu staatstragenden und -unterstützenden Begriffen wie etwa „Verfassung“, „Ordnung“ oder „Versammlung“ gebracht haben. Auch im privaten Umfeld zeitigen sie von „Anziehung“ und „Zuneigung“ über „Beziehung“ und „Verantwortung“ bis hin zur meist unschönen „Trennung“ oder gar „Scheidung“ mitunter persönlichkeitsbildende Auswirkungen.

Eine der großen Stärken von Substantivierungen ist, so sie passend und sinnvoll angewendet wird, ihre prägnante Kürze – entweder geschrieben oder imperativisch ausgesprochen. So empfiehlt sich bei „Achtung“ sofortige und höhere Aufmerksamkeit – sei es in militärischen Berufen, wo beim Erschallen dieses Kommandos vor allem rangniedrigeren Soldaten jedweden Geschlechts empfohlen wird, stante pede stillzustehen und den militärischen Gruß zu entrichten, oder im Straßenverkehr, zum Beispiel bei einem Geisterfahrer auf der Autobahn. Ähnlich verhält es sich mit „Umleitung“. „Hier geht es jetzt vorübergehend entlang!“ oder „Folgen Sie bitte diesem Richtungspfeil!“wären einfach zu lang.

Tipps und Tricks

Wimmelt ein Text – egal ob Pressemitteilung oder längerer Artikel von Wörtern, die auf -ung, -heit oder -keit enden, empfiehlt es sich, die Begriffe dahingehend zu überprüfen, ob sie verbal aufgelöst werden können. Wo das aufgrund eingeschränkter Zeichenzahl nicht möglich ist, sollte wenigstens der erratische Charakter von Substantivierungen mit -ung zugunsten einer etwas aktiveren mit -en aufgelöst werden. Also Erstellen statt Erstellung, Genehmigen statt Genehmigung. Empfehlenswert ist ein gelungener Mix aus Verben und Substantiven, bei dem die im Deutschen so trefflich bezeichneten aktiven Tu-Wörter in deutlicher Mehrzahl vertreten sein dürfen.

Texte wirken einfach klarer und verständlicher, wenn

a) diese Stilregeln des Journalismus
b) diese journalistischen Stilregeln

beachtet werden. Zutreffendes bitte ankreuzen!