Südfrankreich, Mittelmeerküste, auf halber Strecke zwischen Marseille und Montpellier – genau dort sollte ich meinen Sommerurlaub verbringen. Schon seit Monaten hatte ich mich gefreut. Auf das Baden am Strand, das leckere Essen, den Rotwein. Zudem hätte dieses Jahr der südfranzösische Hattrick komplettiert werden sollen. 2018 machte Korsika den überzeugenden Anfang, 2019 legte Avignon sogar noch eine Schippe drauf (besseres Wetter, mehr Kultur, verständlicheres Französisch) und 2020 schickte sich an, dem Ganzen die Krone aufzusetzen. Doch eine globale Pandemie macht auch vor der größten Vorfreude keinen Halt und so stornierte ich vor einigen Tagen schweren Herzens das gebuchte Ferienhaus. Nachdem der Ärger und die Enttäuschung über den urlaubslosen Sommer nun aber langsam abklingen, stellt sich doch die Frage: „Was mache ich denn stattdessen?“

Willkommen in Balkonien

Gehen wir davon aus, dass auch in zwei bis vier Monaten Auslandsreisen nur in Ausnahmefällen gestattet sein werden, bleibt also nur Urlaub in Deutschland. Wer das gleichnamige Lied von Rainald Grebe kennt weiß, dass dieser sich nicht gerade durch übermäßige Spannung auszeichnet. Ob die Langeweile konkret aus bundesrepublikanischer Landgasthof-Gemütlichkeit oder den Einöden Mecklenburg-Branden-Anhalts erwächst, ist dann irgendwie auch egal. Der sparfreudige Schwabe in mir denkt sich deshalb sofort: „Wozu überhaupt wegfahren?“ Urlaub zuhause, hier in Ulm, ist die offensichtliche Lösung. Preiswert, stressfrei und den Reiseführer hat man schon im Kopf. Statt an den Mittelmeerstrand setze ich mich einfach ans Donauufer, kochen kann ich selbst und Rotwein gibt’s im Supermarkt. Zugegeben, ein Balkon oder eine Terrasse ist mir nicht vergönnt. Mein Küchenfenster zählt aber sicher noch zum erweiterten Territorium der Republik Balkonien. Von dort hat man einen herrlichen Blick auf den Sonnenaufgang, kann die heimische Fauna beobachten (ein Rudel Ratten, das hinter den Mülltonnen lebt) und eine gesunde Bräune bekommt man mit etwas Geduld auch.

Entschleunigte Freizeit

An Kultur- und Sightseeing-Möglichkeiten herrscht ebenfalls kein Mangel. Nun gut, es bleibt abzusehen, ab wann Kinos, Theater und Museen wieder regulär öffnen dürfen. Auch von Konzerten oder Partys muss man sich wohl für die nähere Zukunft mental verabschieden. So viel ungenutzte Freizeit eröffnet jedoch ganz neue Möglichkeiten. All die Bücher, die ich über die Jahre gekauft habe? Warum nicht mal tatsächlich lesen? 50 Filme in der Netflix-Warteliste? Dürfen jetzt geschaut werden. Die Qualität eines Films hängt ja nicht von der Größe des Bildschirms ab und ein Brecht-Stück wird auch nicht schlechter, wenn man es liest, anstatt es vorgespielt zu bekommen. Wem dabei die soziale Komponente fehlt: Videokonferenzen sind nicht nur im Home-Office nützlich.

Im Falle der Sehenswürdigkeiten stellt sich die Frage nach „geöffnet“ oder „geschlossen“ erst gar nicht. Münster, Wilhelmsburg und Fischerviertel sind verdammt groß und stehen im Freien. Um ersteres zu bewundern, muss ich noch nicht einmal meine Wohnung verlassen. Solange architektonische Meisterleistungen und historische Monumente also nur von außen betrachtet werden sollen, macht der Lockdown gar keinen so großen Unterschied. Da die üblichen Ablenkungen durch Restaurants, Kneipen und Co. wegfällt, gehe ich zudem mit ganz anderen Augen durch die Stadt. Gebäude, Statuen und Plaketten, die ich bisher bestenfalls beiläufig beachtete, wecken nun immer öfter mein Interesse. Hier ein kunstvolles Fachwerkhaus, dort ein Kriegerdenkmal und das obligatorische „Hier nächtigte Goethe“-Schildchen findet sich bestimmt auch irgendwo.

Warum in die Ferne schweifen?

Hieraus lässt sich meiner Ansicht nach eine der positiveren Erkenntnisse der letzten Wochen ziehen: Das Gute liegt meist näher als man denkt. In einer globalisierten Welt, in der uns Travel-Blogger von den exotischsten Reisezielen berichten, die wir unbedingt gesehen haben müssen, ist es doch schön zu wissen, dass es auch zuhause etwas zu entdecken gibt. Keine Frage, Oberschwaben ist nicht die Provence. Vielleicht muss es das aber auch nicht sein um mir einen schönen Sommer zu bescheren.