Im Interview löst Speed-Reading-Trainer Markus Orschler diesen Widerspruch auf. Insbesondere PR-Redakteure sowie Marketing- und Kommunikationsprofis müssen täglich viel lesen und schnell das Wichtigste erfassen. Der studierte Sprachwissenschaftler Markus Orschler hilft Menschen mit seinem Speed-Reading-Training dabei, Texte schneller zu lesen und Inhalte besser zu erfassen. In den vergangenen Jahren hat der 39-Jährige mehr als 6.000 Lesende erfolgreich im Speed-Reading trainiert. Wir von Press’n’Relations haben es selbst ausprobiert und erfolgreich einen Kurs abgeschlossen. Im Gespräch mit Nina von Imhoff erzählt Orschler, wie sein Training aufgebaut ist, dass man schneller lesen und sogar mehr verstehen kann und dabei das Genusslesen auch nicht verlernt. Vor kurzem ist sein neuer Online-Kurs auf achulio.de an den Start gegangen.

Press’n’Relations: Schneller lesen, mehr verstehen! Wie soll das gehen?

Markus Orschler: Das hat verschiedene Gründe. Zum Beispiel wird die Konzentration gesteigert. Der durchschnittliche Leser schweift zu oft ab. Als Faustregel gilt, je abstrakter, trockener und langweiliger der Text empfunden wird, desto öfters schweift der Leser ab. Das führt zu Rücksprüngen, d.h. der Leser liest längere Sätze mehrfach oder springt im Text zurück, um den Inhalt zu begreifen. Mithilfe des Speed-Reading-Trainings wird der Fokus verstärkt, die abschweifenden Gedanken reduzieren sich, sodass man in der gleichen Zeit mehr Inhalt verarbeiten kann.

PnR: Wie funktioniert das Speed-Reading-Training?

Orschler: Das Training basiert auf drei verschiedenen Säulen. Zum einen ein Training der Augenmuskulatur. Dabei geht es darum, die Augen schneller zu bewegen und die Blickweite zu vergrößern. Interessant ist, dass der normale Leser beim Leseprozess gar nicht sein natürliches Blickfeld verwendet. Der zweite Aspekt ist ein Tempotraining der neuronalen Verarbeitung. Das Gehirn wird nach dem Prinzip der Neuroplastizität trainiert, was vereinfacht gesagt bedeutet, dass sich das Gehirn bestimmten Reizen anpasst. In diesem Fall sind es eben Geschwindigkeitsreize, sodass der Inhalt schneller verarbeitet werden kann. Die dritte Säule nennen wir Lesemanagement. Darunter verstehen wir einfach den besseren Umgang mit Texten.

PnR: Bleibt dabei nicht das Verständnis auf der Strecke?

Orschler: Im Gegenteil. Das Verständnis nimmt sogar zu. In vielen Fällen sogar signifikant, da beim Durchschnittsleser sehr viel Energie durch Abschweifen verloren geht und aufgrund des langsamen Tempos Rücksprünge geschehen. Das beste Beispiel sind Schachtelsätze in Fachliteratur. Wenn ich diese sehr langsam lese, weiß ich am Satzende nicht mehr, was am Anfang stand. Dann verliere ich den roten Faden und habe nur noch einzelne Puzzleteile im Blick. Das was ich leiste ist, das Bild zu sehen, in der schnellstmöglichen Zeit die Puzzleteile zusammenzusetzen und die Geschwindigkeit je nach Text zu variieren.

PnR: Haben Sie das Konzept entwickelt und basiert es auf einem wissenschaftlichen Hintergrund?

Orschler: Sowohl als auch. Die tatsächlichen Grundlagen des Speed Readings gehen bis in die Zeit des ersten Weltkriegs zurück. Ursprünglich wurde das Konzept im Kampfpilotentraining angewandt, um die Erkennungsgeschwindigkeit von Flugzeugen und deren Symbole zu steigern. Nach dem Krieg hat die Sprachwissenschaftlerin Emily Woods dieses Modell auf Texte adaptiert. In den vergangenen 100 Jahren hat sich diesbezüglich sehr viel entwickelt. Das innere Mitsprechen wird nicht mehr wegtrainiert, sondern nur noch reduziert. Man konzentriert sich viel mehr auf die inhaltliche Erfassung der Texte. 2017 habe ich von der Sporthochschule Köln unser Konzept wissenschaftlich untersuchen lassen. Darin haben wir unter anderem analysiert, wie derselbe Leser an verschiedene Texte rangeht. Daraus haben wir wichtige Erkenntnisse erhalten, um das Training weiter zu verbessern.

PnR: Wie schnell lesen ist „normal“?

Orschler: Den normalen Leser gibt es nicht, nur Durchschnittswerte. Diese sind wenig zielführend, weswegen ich vorneweg immer einen individuellen Lesetest mache. Bereits derselbe Leser nimmt Texte unterschiedlich auf. Dies hängt vom persönlichen Interesse, der Konzentration, der Tageszeit und der Motivation ab. Eine spürbare Veränderung durch das Training ist dann erzielt, wenn sich die Konzentration, die Erfassung des Textes und oder die Geschwindigkeit verbessern. Ich versuche immer eine gute Mischung zu erzielen und dem Leser zu zeigen, wie er ein ausgewogenes Verhältnis steuern und koordinieren kann.

PnR: Der Erfolg hängt demnach von der jeweiligen Person ab?

Orschler: Ja, ich vergleiche das gern mit einem sportlichen Training. Das was ich mache, ist Marathontraining für den Leser. Es geht nicht um das Genusslesen. Eine Person, die ungern und wenig liest, geht an das Training anders ran als eine Leseratte, die schon immer viel gelesen hat. Mir geht es darum, dass die lange Distanz des Arbeitstags mithilfe von Speed Reading effizienter bewältigt werden kann und sich der Lesestress reduziert.

PnR: Verlernt man durch diese Methode nicht das genussvolle Lesen in der Freizeit?

Orschler: Nein, auf keinen Fall. Mit der Speed-Reading-Methode habe ich für schöne Literatur am Ende des Tages sogar mehr Zeit und Energie übrig, weil ich zuvor konzentrierter und effektiver gearbeitet habe. Die Rückmeldung vieler Teilnehmer legt nah, dass die Methode die Leselust steigert.

PnR: Wie lange muss ich trainieren, um schneller zu lesen?

Orschler: Bereits nach den ersten drei Lektionen sind Steigerungen um etwa 20 Prozent möglich. In einem Präsenzseminar also etwa nach einem halben Tag. In den ersten Übungen, die sich aus Training und Lesemanagement zusammensetzen, sind schon einige Tipps dabei, die zu Aha-Erlebnissen führen. Nach einem Tag Präsenztraining kann man von einer Steigerung um 50 Prozent ausgehen. Insgesamt ist im Durchschnitt eine dauerhafte Steigerung um 50 bis 100 Prozent möglich, bei gleichem oder besserem Textverständnis.

PnR: Ist ein dauerhaftes Training notwendig, um das Speed Reading nicht zu verlernen?

Orschler: Es kommt auf den Leser an, ob er das erreichte Niveau halten möchte oder sich kontinuierlich steigern will. Das Gehirn braucht etwa einen Monat, um neue Methoden zu verinnerlichen, so auch bei einer neuen Leseroutine. Wenn sich der Leser danach weiter steigern möchte, erfordert das weiteres Training. Wenn nicht, dann reicht es, die Methoden einfach anzuwenden.

PnR: Gibt es eine bestimmte Zielgruppe, für die das Training gut ist, oder sprechen Sie damit jeden an?

Orschler: Zielgruppen sind für mich all diejenigen, die nicht aus reinem Zeitvertreib lesen, sondern bürokratische, technische und fachliche Texte oder viele Emails lesen müssen. Also beispielsweise Wissensarbeiter, Führungskräfte, Sachbearbeiter und Studierende. Mithilfe der Speed-Reading-Methode haben die Menschen dabei den größten Profit.

PnR: Wie ist ein Präsenzseminar aufgebaut?

Orschler: Ich biete sowohl offene Seminare über zwei Tage mit circa 14 Personen an als auch ein- oder mehrtägige Seminare, zum Beispiel in Unternehmen. Darin werden die theoretischen Hintergründe erklärt und in praktischen Übungen gleich umgesetzt. Die Präsenzkurse können auch mit einem Gedächtnistraining kombiniert werden, zum Beispiel um sich Namen besser zu merken.

PnR: Seit Neuestem gibt es auch den Online-Kurs. Wie unterscheidet sich dieser vom Präsenzseminar?

Orschler: Die Besonderheit dieses Kurses ist, dass darin die Theorie kurzweilig und verdichtet in Videos präsentiert wird. Darin enthalten ist auch eine Trainings-App, die das praktische Training unterstützt, den persönlichen Stand ermittelt und den Nutzer zum Maximum fördert. Der Online-Kurs kann auch den Routineaufbau nach einem Präsenzkurs erleichtern und bei langfristigen Trainingszielen helfen.

PnR: Wie viel Zeit nimmt der Online-Kurs in Anspruch?

Orschler: Das ist variabel. Meine Empfehlung sind vier Wochen, um jeden Tag kleine Schritte zu gehen und Impulse zu setzen. Möglich ist aber auch, den Kurs innerhalb eines Tages zu absolvieren, man benötigt dann aber zwei bis drei Wochen für die Routinebildung, um das Erlernte in die Praxis umzusetzen. Der Vorteil des Onlinekurses ist, dass der Nutzer das Tempo und den Zeitpunkt des Trainings bestimmt.