„Ein Gespenst geht um in der Welt – das Gespenst der Digitalisierung.“

Zugegeben, Halloween ist schon einige Wochen her. Meine freie Interpretation des marxschen Grusel-Zitats wird dadurch jedoch nicht unwahrer. Kein Lebensbereich bleibt mittlerweile von digitalen Eingriffen verschont. Selbst simpelste Alltagsaufgaben verlagern sich zunehmend in das Reich der Bits und Bytes, wie etwa Online-Einkaufslisten oder Wasserwaagen in App-Form zeigen. Die Gegenbewegung hierzu ließ nicht lange auf sich warten: Von Vinyl-Schallplatten bis hin zu jungen Menschen, die wieder Schreibmaschinen nutzen, ist der Retro-Technik-Boom in vollem Gange. An mir persönlich ging die neu erwachte Begeisterung für Software-freie Technologie hingegen die längste Zeit vorbei – allein deshalb, weil Spotify und E-Book-Reader so viel praktischer sowie platz- und ressourcenschonender als Hunderte von Platten und Büchern sind. Erst als ich vor einiger Zeit über das Thema Analog-Fotografie stolperte, wurde mein Interesse geweckt. Zwar hatte ich die antiquierte Technologie als Kind noch bei meinen Eltern und Großeltern beobachten können, meine eigenen fotografischen Erfahrungen sammelte ich aber ausschließlich digital. Umso faszinierter war ich nun davon, optische Eindrücke mithilfe einer chemischen Reaktion auf Celluloseacetat zu bannen. Mittlerweile – drei Kameras und unzählige Filmrollen später – ist das anfängliche Interesse purer Begeisterung gewichen.

Kamera: Canon EOS 300, Film: Kodak Gold

Das perfekte Hobby

Doch alles der Reihe nach: Meine Reise vom Smartphone-Knipser zum stolzen Besitzer eines Fotoapparats, der älter als meine Eltern ist, begann mit dem unschuldigen Klick auf ein Youtube-Video. In diesem erläuterte der US-Fotograf Jason Kummerfeldt – dessen Kanal „Grainy Days“ ich an dieser Stelle wärmstens empfehlen möchte – auf unterhaltsame Art den Umgang mit einer Canon AE1. Innerhalb einer Viertelstunde war ich angefixt. Ich leugne nicht, dass es mir zunächst vor allem die Ästhetik angetan hatte. Stilsicheres Design, wertige Verarbeitung und angenehme Haptik scheinen im vergangenen Jahrhundert offensichtlich einen höheren Stellenwert gehabt zu haben (all das gibt es fraglos auch bei Digitalkameras, nur werden die Preise dann schnell vierstellig). Doch die Ausführungen des Profis machten mir schnell klar, dass Analog-Fotografie weit mehr zu bieten hat als ein cooles „Look and Feel“. Ob die Auswahl des Films, die endlosen Feinheiten der korrekten Belichtung oder das Für und Wider bestimmter Entwicklungsmethoden – in jedes Detail kann hier ein bedenkliches Maß an Zeit, Aufwand und Geld gesteckt werden. Ideal also, um als neues Hobby zu fungieren.

Ein simpler Einstieg

Kamera: Zeiss Ikon Icarex 35, Film: Fuji C200

Auf den Entschluss, der Digitalfotografie zu entsagen, folgte die Suche nach einem passenden Einsteigermodell für den Analog-Neuling. Orientierungshilfe bot das lokale Fotogeschäft: Etwas einsteigerfreundliches sollte es natürlich sein, also lieber mehr als weniger Automatik. Nicht zu alt, damit auch sicher noch alles funktioniert. Selbstverständlich ein 35 Millimeter-Apparat und keine obskuren Formate, man will sich ja nicht allein für die Filmrollen finanziell ruinieren. Ob so etwas denn gerade im Laden sei, fragte ich. „Aber sicherlich“, antwortete mein Gegenüber.

So verließ ich das Geschäft, etwas ärmer aber sichtlich zufrieden, mit meinem neuen Spielzeug in der Hand. Eine Canon EOS 300 war es geworden – kein Schmuckstück, aber für einen Einsteiger genau richtig. 1999, kurz vor dem Ende der analogen Ära, erschienen, ähnelt ihre Bedienung in vielerlei Hinsicht der einer modernen Digitalkamera. Lediglich an das Einlegen des Films musste ich mich gewöhnen. Nachdem ich etwa zwei Monate mit meiner Neuanschaffung verbracht hatte und bereits durchaus ansehnliche Ergebnisse aus dem Fotolabor zurückgeschickt bekommen hatte, wurde mir jedoch zunehmend klar: Das ist zu einfach. Machte nicht gerade die Komplexität den Reiz aus? Wenn ich nun doch wieder nur aufs Knöpfchen drücke und etwas später ein fertiges Bild erhalte, kann ich es doch gleich bleiben lassen…

Je umständlicher desto besser

Kamera: Canon A1, Film: Kodak Gold

Die logische Schlussfolgerung aus dieser Erkenntnis, war die Anschaffung einer älteren Kamera. Möglichst wenig elektronische Helferlein, unter Umständen sogar etwas komplett mechanisches. Eine entsprechende Suchanfrage auf Ebay führte zunächst ins Nichts – was weniger an den Angeboten als an meinem Kontostand lag. Allerdings entrümpelte just zu dieser Zeit ein Verwandter seinen Keller und wollte „das Zeug einfach loswerden.“ Zu meinem Glück beinhaltete „das Zeug“ auch eine Canon A1 und eine Icarex 35 von Zeiss Ikon. So gingen der japanische Kamera-Klassiker aus den späten 70ern und der deutsche Ganzmetall-Klotz (das Spritzguss-Gehäuse der Icarex 35 wiegt stolze 800 Gramm!) aus den 60ern kostenlos in meinen Besitz über. Eine Grundreinigung später konnte es auch schon losgehen: Ich legte jeweils eine Rolle Kodak Gold ein und knipste drauf los.

Einige Wochen später kann ich nun mit Sicherheit sagen, dass der Schritt zu weniger Technik und mehr Aufwand der richtige war. Keine Frage, man muss sich zuerst daran gewöhnen, wenn das Drücken des Auslösers plötzlich erst ganz am Ende eines komplexen Prozesses steht – Lichtverhältnisse mit einem Photometer ausmessen, Blende und Belichtungszeit einstellen, manuell fokussieren, etc. Schnelle Schnappschüsse sind so kaum möglich. Mit dem Verlust der Spontanität gewinnt man jedoch eine völlig neue Wertschätzung für jede einzelne Aufnahme. Denn bevor hier letztendlich Licht auf den Film fällt, habe ich mir ganz genau überlegt, welches Motiv ich wie fotografiere. Wenn dann, nach Tagen des Wartens, die entwickelten Bilder eintreffen, freut man sich umso mehr über jedes gelungene Foto. Für professionelle Fotografen ist dieser Prozess – bis auf wenige Ausnahmen – fraglos nicht mehr zeitgemäß. Zu aufwendig, zu langwierig, zu teuer. Auch ich werde im beruflichen Kontext deshalb weiterhin ausschließlich digital fotografieren. Effizienz ist hier eindeutig König.

Privat dürfte ich zukünftig aber sicher noch einiges an Zeit und Geld in das Retro-Hobby investieren. Schon jetzt halte ich immer mit einem Auge Ausschau nach einem Kamera-Schnäppchen. Wer weiß, eines Tages sehe ich ja vielleicht die Leica M6 auf dem Flohmarkt. Man darf noch träumen. In Sachen völlig grundlosem Mehraufwand steht zudem noch die Möglichkeit im Raum, selbst zu entwickeln. Noch hält mich hiervon meine Furcht ab, aus Ungeschicktheit eine komplette Rolle Film zu ruinieren. Gleichzeitig bereite ich mich (und meinen Mitbewohner) aber mental schon darauf vor, einen Raum zur Dunkelkammer umbauen zu müssen.