Die Szene dürfte bekannt sein: Gegenüber blättert der/die Personalverantwortliche in den Bewerbungsunterlagen und stellt Fragen zum Lebenslauf. „Wieso wechselten Sie den Studiengang im zweiten Semester?“, Welche Erfahrungen konnten Sie während Ihres Praktikums bei der Firma, während Ihres Auslandsaufenthalt in Norwegen/Frankreich/USA/etc. sammeln?“, „Wie hatten Sie in dem Projekt Soundso die Herausforderungen in vier Monaten gelöst?“, „Aufgrund welcher Erfolge/Erfahrungen glauben Sie sich für diesen Job zu qualifizieren?“ – Dabei wird weiter zu den Zeugnissen geblättert. Auch hier Fragen über die Aufgaben, Projekte und Verantwortungsbereiche. Schließlich will der/die neue Arbeitgeber/in wissen, wer vor einem sitzt. Was hat sie bisher gemacht? Was sind seine Qualifikationen? – Hier hilft der Blick in die Vergangenheit und auf die bisherigen Stationen bzw. Leistungen – deshalb die Prüfung von CV und Zeugnissen.

Dann folgen Fragen zu den kommenden Aufgabengebieten und Perspektiven: „Wie wollen Sie die vor Ihnen liegenden Herausforderungen angehen?“, „Wo sehen Sie sich in zwei/fünf/zehn Jahren?“

Ich lass jetzt mal die Vorstellung des Unternehmens weg, ebenso den Smalltalk und die Ausführungen über Familie, Hobbies, Sport und soziales Engagement. Dabei fällt auf, dass der Blick auf die Vergangenheit oft weit mehr Raum einnimmt als die Ausführungen des Aspiranten über zukünftige Vorhaben. Als Laie in Personalfragen nehme ich mal an, dass die Profis sich da sagen: Die Kandidatin hat in der Vergangenheit die schwierigsten Aufgaben gelöst, die komplexesten Projekte gemanagt und beeindruckende Referenzen vorzuweisen – sie wird das dann sicherlich auch für unser Unternehmen umsetzen. Und wenn sie oder er auch noch einen überzeugenden wie glaubhaften Auftritt und ein gewinnendes Betragen an den Tag legt, dürfte einer Anstellung nichts im Wege stehen.

Warum spreche ich hierüber? Weil heute der Wahl-O-Mat der Bundesregierung online geschaltet wurde. Ich möchte das als Anlass nehmen für etwas mehr Grundsätzliches. Es ist bestimmt den Schweiß der Edlen wert, 40 Wahlprogramme so auszuwerten, dass sie auf 38 Fragen relevante Antworten geben, um dann am Ende der Auswertung per Mausklick empfehlenswerte Parteien zu liefern. Aber ich frage mich da immer: Warum wird immer nur auf die Parteiprogramme geblickt, also auf das, was die Volksvertreter in spe in den nächsten Jahren vorhaben?

Wäre es nicht besser, auf das zu schauen, was die Parteien bzw. die Kandidaten bisher geleistet haben? Das gilt natürlich nur für Parteien bzw. Personen, die in zurückliegenden und überschaubaren Zeiträumen regiert, mitregiert oder wenigstens als Opposition mit im Bundestag saßen. Bei der Partei- und Personalbesetzung des kommenden Bundestags scheint es mir daher empfehlenswert, die Erfahrungswerte tausender Personaler, Unternehmensberater und Headhunter zu berücksichtigen: Schaut auf das, was die Politiker bisher umgesetzt haben bzw. an welchen Entscheidungen sie sich wie beteiligt haben! Statt Fragen zur zukünftigen Steuerverwendung eher Antworten auf bisherige Steuerverschwendungen! – Bleibt hierbei natürlich die Frage „Was ist mit den regierungsunerfahrenen neuen Parteien? Reicht da sowas wie Vertrauensvorschuss? – Ein bodenloses Thema …

Und dann gibts ja auch noch den Umstand der Parteienbesetzung, also die Personen selbst. Ist diese Ministerin, dieser Staatssekretär oder Parteihäuptling in dieser oder jener Partei überhaupt passend? Machen sie da einen guten Job? Könnte man sie nicht – wie z.B. in Konzernen oder der Fußball-Bundesliga – ablösen für eine andere, passendere Partei oder Spielerposition, wo sie ihre Stärken ausspielen können? Das gäbe je Politik-Saison interessante Zusammenstellungen. Die SPD macht Friedrich Merz eine Offerte als Chef-Trainer mit Querschnittsfunktion für „Klare Kante“. Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg unterschreibt einen Vier-Jahres-Vertrag bei der CDU, um das schlingernde Bundeswirtschaftsministerium in Richtung Nachhaltigkeit zu steuern. Und die AfD stellt den jetzigen Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur auf ihre Wahlliste – als Verantwortlichen für Klima- und Umweltschutz. Wer weiß, in welcher Mannschaft, in welchem Team dann Jens Spahn, Dietmar Bartsch, Olaf Scholz, Linda Teuteberg oder Alice Weidel künftig landen würden?

Und wen werde ich nun wählen? Hoffentlich die Richtigen! – Und bitte: Gehen Sie zur Wahl oder nutzen Sie die Briefwahl!