„Im Leben kriegt man nichts geschenkt!“, sagt ja bekanntlich der Volksmund. Doch wie so vieles, das selbiger von sich gibt, ist auch diese Aussage bestenfalls mit Abstrichen wahr. Selbstverständlich bekommt man ständig Dinge geschenkt – und seien es nur Käseproben im Supermarkt. Ganz besonders gilt dies ironischerweise im scheinbar vollständig durchkommerzialisierten Internet des 21. Jahrhunderts. Keine Frage, die Wild-West-Zeiten des WWW sind schon eine Weile vorbei und man kann nicht mehr wie in den späten 90ern und frühen Nullerjahren einfach jedes gewünschte Programm über die Tauschbörse des Vertrauens herunterladen. Neue technische Möglichkeiten und angepasste rechtliche Rahmenbedingungen erlauben es Software-Unternehmen heute, Raubkopien und illegale Downloads relativ effektiv zu verhindern. Zudem erkannten viele Entwickler, dass die meisten Menschen nicht grundsätzlich abgeneigt waren, für ihre Produkte zu bezahlen. Was fehlte waren lediglich attraktive und simple Bezahlmodelle – iTunes hatte dies eindrucksvoll für die schon totgesagte Musikindustrie bewiesen, ebenso wie wenige Jahre später Netflix für die Filmbranche. Im Gegensatz zu Songs oder Filmen hatten Computerprogramme jedoch einen entscheidenden Nachteil: Man konnte sie einfach nachbauen. Und genau dies taten unzählige Freeware-Entwickler.

Software für alle

Beschäftigt man sich einmal etwas intensiver mit der Thematik fällt schnell auf, dass es zu praktisch jedem relevanten Programm mindestens eine kostenlose Alternative gibt. Von unscheinbaren Office-Anwendungen bis hin zu Film-Editing-Software auf Profi-Niveau deckt Freeware alles ab, was man je benötigen könnte. Selbst beim Betriebssystem kann problemlos auf Windows und MacOS verzichtet werden – wie enthusiastische Linux-Fans einem häufig und unaufgefordert mitteilen. Hierbei handelt es sich zugegebenermaßen um einen Fall, bei dem die Freeware älter ist als einige ihrer Konkurrenten und sogar deren Basis bildet (sowohl MacOS als auch Android sind Linux-Derivate).

Der grundsätzliche Gedanke bleibt jedoch derselbe: Software sollte frei und kostenlos für jeden verfügbar sein. Besonders ernstgenommen wird dieser Demokratisierungsgedanke bei Open-Source-Programmen. Hier kann die Software nicht nur gratis genutzt, sondern auch nach Gutdünken umgebaut werden. In Zeiten, in denen gefühlt jedes Produkt zum „XY as a Service“ mit Abo-Modell erklärt wird, wirkt dieser Anspruch fast schon radikal. Der Open-Source-Gedanke bietet allerdings auch recht pragmatische Vorteile. Während bei proprietärer Software wie Photoshop und Co. nur das Entwicklerteam konkrete Einblicke in die Funktionsweise bekommt, wird Freeware von abertausenden Codern durchleuchtet, die Schwachstellen erkennen und neue Funktionen implementieren können.

Taugt das was?

Es bleibt jedoch die berechtigte Frage: Kann kostenlose Software, die meist nur von kleinen Teams und/oder Freiwilligen entwickelt wird, je so gut sein, wie die Produkte milliardenschwerer Tech-Konzerne? Und haben die Umsonst-Alternativen womöglich sogar Vorteile gegenüber der sportlich bepreisten Konkurrenz? Betrachten wir zur Antwortfindung drei Beispiele, aufsteigend nach Komplexität.

LibreOffice: Die kostenlose Open-Source-Alternative zu den allgegenwärtigen Office-Anwendungen von Microsoft (so allgegenwärtig, dass sogar eine eingeschworene Apple-Agentur wie Press’n’Relations sie verwendet) kommt relativ unscheinbar daher. Einerseits liegt das wohl in der Natur der Sache – Word, Excel und Powerpoint beeindrucken nun auch nicht gerade mit visueller Opulenz. Andererseits scheinen die Entwickler von „LibreOffice“ schlicht nicht so großen Fokus auf die Optik zu legen. Funktionalität ist das A und O, da darf das UI auch aussehen wie vor 15 Jahren. Mir persönlich ist das durchaus sympathisch, doch ich kann verstehen, dass sich der ein oder andere hiervon abschrecken lässt. Wem es aber nur darum geht einen Text zu schreiben, eine Tabelle anzulegen oder eine Präsentation vorzubereiten, kann beherzt zugreifen. Die „LibreOffice“-Programme können alles, was man als normaler User jemals brauchen würde und mehr.

Gimp: Vom Meme auf Twitter bis zur internationalen Werbekampagne – digitale Bildbearbeitung ist aus der medialen Öffentlichkeit nicht mehr wegzudenken. Der uneingeschränkte Platzhirsch in diesem Bereich ist fraglos Photoshop von Adobe. Bereits seit über 30 Jahren dominiert die Software den Markt und hat mit „etwas photoshoppen“ sogar ein eigenes Verb erhalten. Hier als Konkurrent – noch dazu als Freeware – aufzutreten mag deshalb schon fast hoffnungslos erscheinen. Das Open-Source-Bildbearbeitungsprogramm „Gimp“ zeigt jedoch, wie man mit sehr eingeschränkten Mitteln durchaus beeindruckende Ergebnisse erzielen kann. Ähnlich wie bei „LibreOffice“ steht auch hier die Substance weit über dem Style. Hinter der Windows 98-esken Fassade verbirgt sich eine Vielzahl von Funktionen, mit denen selbst Bildbearbeitungsprofis glücklich werden. Zugegeben, die Bedienung ist nicht besonders intuitiv, doch hat man die Funktionsweise einmal verstanden, klappt alles zuverlässig. Mit diesem Fokus auf purer Funktionalität hat sich „Gimp“ über die Jahre eine nicht zu unterschätzende Anhängerschaft erarbeitet. Unter Linux-Usern (wem auch sonst?) ist „Gimp“ sogar Marktführer in Sachen Bildbearbeitung.

DaVinci Resolve: Das letzte Beispiel in dieser Aufzählung fällt ein wenig aus der Reihe. Zwar ist die Film-Editing- und Color-Grading-Software „DaVinci Resolve“ Freeware (zumindest in ihrer, immer noch äußerst leistungsfähigen Basis-Version), doch kein Open-Source-Programm. Zudem überzeugt ihr UI mit polierter Optik sowie verhältnismäßig intuitiver Bedienung. Außerdem verfügt „DaVinci“ im Gegensatz zur meisten anderen Freeware über beträchtliche Marktanteile und ist auch bei Branchenprofis beliebt. So kam das Programm unter anderem bei der Postproduktion von großen Hollywood-Blockbustern wie Deadpool oder Star Wars zum Einsatz. Inwiefern die Freeware hier mit kostenpflichtigen Programmen wie Adobe Premiere oder Final Cut Pro von Apple mithalten kann, wage ich als Laie nur bedingt einzuschätzen. Der schiere Funktionsumfang, der sich in den unzähligen Menüs und Unter-Menüs versteckt, ist jedoch auch für das ungeübte Auge beeindruckend. Wer vorher nur mit iMovie oder Windows Moviemaker Erfahrung sammeln konnte, fühlt sich hier wie ein Gokart-Fahrer beim Formel1-Rennen.

Vollwertige Alternativen – mit kleinen Abstrichen

Wie man sieht, müssen sich die kostenfreien Alternativen ganz und gar nicht vor ihren gebührenpflichtigen Vorbildern verstecken. Bezüglich der Funktionen bieten sie im Großen und Ganzen alles, was man benötigt und unterscheiden sich nur im Detail von den Marktführern. Abstriche muss man hingegen häufig in Sachen „Look and Feel“ machen. Altmodisches Design und verbesserungswürdige Usability sind leider, bis auf wenige Ausnahmen, Usus im Freeware-Bereich – insbesondere, wenn es sich um Open-Source-Projekte handelt. Fairerweise muss man hier jedoch anmerken, dass auch proprietäre Software häufig an einem unverständlichen Aufbau und fummeliger Bedienung krankt.

Selbstverständlich kann im Rahmen dieses Blogbeitrags nur ein kleiner Einblick in die Welt der Freeware gewährt werden. Wie bereits erwähnt ist die Auswahl schier endlos – und im ersten Moment durchaus überwältigend. Wer also nun auf den Geschmack gekommen ist und auf alternative Programme umstellen möchte, sollte sich zunächst genau informieren, welche Software den eigenen Ansprüchen genügt. Ist die passende Freeware gefunden, gilt es zudem, sich auf Veränderung einzulassen – von der Vorstellung, alles würde genau so funktionieren wie bei der Konkurrenz, sollte man sich schnell verabschieden. Glücklicherweise stehen einem als Einsteiger viele hilfsbereite User und oft auch Entwickler in den entsprechenden Foren, Subreddits und Discord-Servern zur Seite. Wem zuletzt jedoch an einem schicken Produkt ohne Ecken und Kanten gelegen ist, ist mit Gratis-Software meist eher schlecht beraten. Bei aller Qualität erfordern Open-Source-Programme und Freeware doch immer etwas Idealismus.