Wie eine kleine Frage selbst gestandenen Redakteuren die Tränen in die Augen treibt

Heute ist ein hektischer Tag. Viel ist zu erledigen. Durch meinen Kopf schwirrt eine To-do-Liste, deren Länge selbst dem Barte des Propheten ein anerkennendes „Sapperlot“ abnötigen würde. Ich atme zweimal tief durch und erinnere mich an das Mantra meines Zeitmanagement-Trainers: Das Wichtige vom Unwichtigen trennen, Prioritäten festsetzen und dann loslegen. Gut gesprochen Zarathustra. Blöd nur, wenn irgendwie nichts Unwichtiges anliegt und alle offenen Punkte den ersten Platz in meinem Sofort-zu-erledigen-Ranking für sich beanspruchen.

Also gut, ich beschließe, mein Kopf-Karussell mit einer Tasse Kaffee zu entschleunigen und dann erstmal eine Runde zu plauschen. Ein gutes Gespräch mit meinem Lieblingsredakteur bringt sicher Schwung in den Tag. Ich habe einen richtig guten Anwenderbericht im Angebot, der perfekt in die nächste Ausgabe passt.  Und wenn das erledigt ist, kann ich auch gleich einen Gesprächstermin auf der Messe mit ihm ausmachen.

Ich greife zum Hörer und wähle. Das Tuten stoppt abrupt, doch anstatt der seit Jahren vertrauten Stimme höre ich das Quäken einer genervten bis unfreundlichen Telefonistin. Sie erklärt mir, mein Ansprechpartner sei nicht zu erreichen und dann kommt die Frage, vor der mir graut. Sie kommt jedes Mal – wie der Wecker, der stets klingelt, wenn der Traum am schönsten ist, oder der unweigerliche Rechnerabsturz nach einem System-Update. Ich bin diese Frage eigentlich gewohnt und doch kann ich sie kaum ertragen. Die Dame holt Luft und fragt: „Um was geht’s denn?“

Na gut, ich werde es überstehen. Ich atme durch und formuliere mein Anliegen. „Es geht um einen Anwenderbericht der Firma X, den ich Herrn Y gerne exklusiv anbieten würde …“. Ich drehe und wende den Sachverhalt rund eine Minute im besten verbalen Licht, doch ich weiß, dass diese Information nicht ausreichen wird. Da dem Unvermeidlichen nicht auszuweichen ist, wappne ich mich für den nächsten Schlag. Er kommt mit den Worten: „Können Sie mir bitte noch sagen, …“ Nun verlangt die noch immer unfreundliche Telefonistin weitere Ausführungen von mir: Länge des Textes, Qualität der verfügbaren Bilder, Exklusivität und Autorenschaft. Auch diese Angaben gebe ich brav zu Protokoll und frage mich im Geheimen, ob sie wohl auch Interesse an meiner Schuhgröße, Originalhaarfarbe und aktuellem Handschmuck hätte. Mittlerweile telefoniere ich bereits rund fünf Minuten mit meiner Nicht-Ansprechpartnerin. Erfahrungsgemäß wird es nun Zeit für die finale Phase. Eigentlich freue ich mich jedes Mal darauf. Wie der sagenumwobene Dornenvogel, der sein schönstes Lied im Todeskampf singt, wenn ein fieser Dorn seinen kleinen Körper durchbohrt (Richard Chamberlain lässt grüßen). Es geht los: „Vielen Dank Frau Nyendick. Aber es ist wohl am sinnvollsten, wenn Sie in einer Stunde nochmals anrufen. Dann ist Herr Y vielleicht wieder am Platz“. Manchmal geht das Finale Grandioso auch „Am besten wäre es, Sie fassen mir Ihr Anliegen schriftlich in einer E-Mail zusammen“.  Ich lächle freundlich in den Telefonhörer und bestätige artig die Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens, während mein Kopf langsam auf die Tastatur sinkt.

Ich will nicht tragisch erscheinen, schließlich sind nur fünf Minuten vergangen. Doch vor meinem geistigen Auge hält sich mein Zeitmanagement-Trainer vor Lachen den Bauch und ich frage mich wie jedes Mal: „Warum? Warum? Warum hätte sie mir nicht gleich sagen können, dass ich später anrufen soll?“

Ich erwäge einen Jobwechsel. Im nächsten Leben werde ich vielleicht „Um was geht’s denn“-Frager. Ich bin sicher, bei der wachsenden Komplexität unserer Gesellschaft ist das ein Berufsbild, welches nie aus der Mode kommen wird.

Heute ist ein guter Tag. Die Sonne scheint und ich muss noch mindestens zehn Messetermine am Telefon ausmachen…Aus der Ferne höre ich leises Gelächter…lalü.

Ach ja, gleich fasse ich das nochmals in einer E-Mail zusammen.

Mit besten Grüßen

Monika Nyendick