Die Streichholzschachtel auf dem Schreibtisch

Ein Anwenderbericht gehört zur Kür des PR-Schaffenden. Schließlich muss sich die umfangreiche Vorbereitung, die mit einem solchen Œuvre einhergeht, auch auszahlen. Umso befreiender ist dann das Gefühl, wenn der Text am Ende flüssig und informativ – mit viel Liebe zum Detail – in die Tastatur fließt. Aber selbst dieser Freude sind im Alltag Grenzen gesetzt. Und manchmal ist mehr Pragmatismus erforderlich als einem lieb sein kann …

Vom Hundertsten in Tausendste
Bei Anwenderberichten habe ich persönlich stets das Gefühl, mich so richtig austoben zu können. Schließlich passiert es ja nicht alle Tage, dass man den gewohnten vier Wänden des Büros entfliehen und in die reale Welt der Kunden unserer Kunden eintauchen darf. Obwohl es im Vorfeld meist einigen logistischen Aufwand bedeutet, liebe ich Termine vor Ort beim Anwender. Denn nirgendwo kann man näher an das eigentliche Thema der täglichen Arbeit rücken – eine Erfahrung, die sich bei mir sofort im Ergebnis niederschlägt: In den meisten aller Fälle finde ich das Gehörte und Gesehene so spannend, dass ich beim anschließenden Schreiben kein Ende finde. Schnell bin ich bei über 10.000 Zeichen angelangt und habe das Erlebte immer noch nicht vollständig zu Papier gebracht. Gerade wenn der jeweilige Beitrag bereits vorab einer Fachredaktion zugesagt wurde, gilt jedoch das publikationsspezifische Diktat der maximalen Textlänge. Dieses liegt meist irgendwo zwischen 7.000 und 9.000 Zeichen für eine Doppelseite. Daher hilft mir am Ende oftmals nur der Gang zu den Kollegen: „Hier, schau mal mit neutralem Blick drüber und streiche die Stellen, die zum Verständnis des Textes nicht zwangsläufig erforderlich sind.“ Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass aus meiner Perspektive in diesem Moment jede Information „unverzichtbar“ ist. Dank PNR-interner Teamarbeit klappt es aber immer, die Zeichenzahl in Grenzen zu halten, ohne entscheidende Details zu opfern. Dabei können die Kollegen schon ganz schön brutal vorgehen – natürlich ganz im Sinne des Endergebnisses.

50 Prozent – alles muss raus!
Meist lassen die Redaktionen bei einem guten und in sich schlüssigen Text auch mal Fünfe grade sein und drücken ein Auge zu, wenn man ein wenig über dem vereinbarten Umfang liegt bzw. kürzen selbst im überschaubaren Maße. Das kann, muss aber nicht sein. So hatte ich beispielsweise einmal einer IT-Fachredaktion einen bestehenden und bereits in einem anderen Medium platzierten 10.000-Zeichen-Anwenderbericht zugeschickt, der auch prompt das Interesse des zuständigen Ansprechpartners weckte – Juchu! Meine Begeisterung wurde jedoch vehement gestoppt als das große „Aber“ kam. Statt für die Print-Ausgabe wurde das Thema als Schwerpunkt für einen Online-Newsletter eingeplant. Der Pferdefuß: Hierfür waren maximal 5.000 Anschläge – inklusive Leerzeichen – vorgesehen. Uff … Wer einmal einen (selbstgeschriebenen) Text um die Hälfte seiner Länge kürzen musste, weiß sicher, wovon ich rede. In der Situation tat mir jeder einzelne Buchstabe weh, den ich streichen musste. Und exakt in solchen Momenten fällt mir jedes Mal wieder die Streichholzschachtel ein …

AnwenderberichtSo viel wie nötig, so wenig wie möglich
Streichholzschachtel? Ja genau: Streichholzschachtel! Eine Aufgabe im Rahmen meiner Volontariatsausbildung auf dem Weg zum DPRG-geprüften PR-Berater bestand darin, eine Gebrauchsanleitung für Zündhölzer zu erstellen, die auf der Längsseite der zugehörigen Verpackung Platz findet. Der Zweck der Übung bestand darin, sich auf die nötigsten Aussagen zu konzentrieren – schließlich ist der Raum für den Druck auf einer handelsüblichen Streichholzschachtel bekanntermaßen klar begrenzt. Gleichzeitig musste sichergestellt werden, dass selbst jemand, der noch nie in seinem Leben ein Streichholz inklusive Schachtel gesehen hatte, allein aufgrund der textlichen Beschreibung den Funken zu zünden vermochte. Was ich und meine Mitstreiter anfangs noch belächelt hatten, trieb uns anschließend ruckzuck die Schweißperlen auf die Stirn. Denn einfach ist anders … Wer will, kann es gerne einmal selbst ausprobieren: Es stehen maximal 200 Zeichen zur Verfügung und Schummeln ist verboten! Die Ergebnisse lese ich dann gerne im Kommentarfeld. Achja, es würde mich auch interessieren, wie viel Zeit und Muße diese paar Buchstaben gekostet haben :-).

Konzentration auf das Wesentliche statt Mut zur Lücke
In Erinnerung an dieses Erlebnis ist es mir dann doch recht zügig gelungen, den besagten Anwenderbericht auf die gewünschte Länge zu bringen, ohne dass der rote Faden verloren geht und die ursprüngliche Praxisnähe des Textes auf der Strecke bleibt. Wozu eine Streichholzschachtel doch so alles gut sein kann …

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6 Kommentare zu Die Streichholzschachtel auf dem Schreibtisch

  1. Uwe Pagel sagt:

    „Holz mit bunter Seite nach vorn über rötliche Fläche reiben bis es brennt.“ Ha, das sind 78 Zeichen und es hat genau zwei Minuten gedauert.

  2. Rebecca Hasert sagt:

    Und wie komme ich an das Holz? 😉

  3. Uwe Pagel sagt:

    Die Schachtel ist ja schon offen 🙂

  4. Florian Fischer sagt:

    Und die Reibefläche muss nicht zwingend rötlich sein 🙂 http://www.duden.de/_media_/full/S/Streichholzschachtel-201020499981.jpg

  5. Thomas Seibold sagt:

    Schachtel öffnen, zwei Streichhölzer entnehmen, mit Kopf nach oben halbhoch an Schachtellängsseite halten und mit der anderen Hand auf die Schachtel hauen.

    Das sind zwar 155 Zeichen inklusive Leerzeichen, aber der Erkenntnisgewinn dank eines verbrannten Fingers und Streichholzes sowie je eines unversehrten ist das Mehr an Erklärung wert 😀

  6. Uwe Pagel sagt:

    Wenn ich meinen Kopf nach oben wende, sehe ich die Schachtel nicht mehr …

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