Wenn es um Meinungsäußerungen zum immer mehr um sich greifenden Gendern geht, begibt Mann sich schnell auf dünnes Eis. In Zeiten, in denen selbst in den Fernsehnachrichten das Gendersternchen durch Kunstpausen hörbar gemacht wird, scheint jede Kritik schnell als männliche Überheblichkeit und eine ewig gestrige Einstellung „enttarnt“. Dennoch wage ich an dieser Stelle ein Plädoyer für den Sprachfluss, der nicht durch unsprechbare Wortschöpfungen gebrochen werden sollte. Denn selbst Nachrichtensprecher*innen scheitern beim Gendern, wenn die deutsche Grammatik und Rechtschreibung konsequent angewandt werden. Ganz abgesehen davon bin ich auch der Überzeugung, dass die Gleichstellung der Frau nicht an der Verwendung des Generischen Maskulinums gescheitert ist oder scheitern wird. 

Singular und Plural

Der Grundfehler in der *-Wortkonstruktion beginnt schon damit, dass er lediglich im Plural funktioniert – und das auch nicht in jedem Fall. Im Singular ist Gendern nahezu unmöglich. Der Arbeiter*in ist genauso falsch wie die Arbeiter*in. Was bei „die Arbeiter*innen“ noch im Plural funktioniert, scheitert bei „den Arbeiter*innen“ genauso wie bei „den Student*innen“. Hier wird der männliche Teil derer, die auf der Baustelle arbeiten oder eine Universität besuchen, um höhere akademische Weihen zu erlangen, brutal auf den Singular reduziert. Im Sinne einer Gleichstellung zwischen den Geschlechtern ist das auf keinen Fall, denn diese basiert auf einer durchgängigen Gleichbehandlung.

Dativ, Genitiv & Co.

Was dem Arbeiter bezahlt wird, wird der Arbeiterin meist nicht überwiesen. Das ist leider immer noch Wirklichkeit und lässt sich auch nicht gendern. Der Lohn der Arbeiterin muss schlichtweg auf das Niveau des Lohns des Arbeiters angehoben werden. Sprachlich lässt sich das nicht lösen, das muss von den Arbeiterinnen und Arbeitern durchgesetzt oder vom Gesetzgeber vorangetrieben werden (wobei die Regierung sicher auch als Gesetzgeberin bezeichnet werden könnte).

Der Bauer

Was mir neulich im heute journal auffiel, ist eine echte Ungleichbehandlung verschiedener Berufsstände. So sprach die Nachrichtensprecherin in der Anmoderation eines Beitrags zu Protesten von Landwirten tatsächlich von „Bauern“. Bei der nächsten Meldung zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf die Gastronomie verwendete sie dann wieder das gendersprech-korrekte „Wirt*innen“. Woran liegt das? Es gibt im Deutschen einfach Worte, die sich dem Gender-Stern verweigern, weil sie bei Verwendung unaussprechlich würden. Beim Versuch „Baäuer*innen“ auszusprechen, wird die Unsinnigkeit dieses Ansatzes auf den eigenen Lippen plastisch fühlbar.

Der Gast

Seit ich sprechen kann, gab es nur den Gast oder die Gäste. Hätte ich in der Schule im Aufsatz „Gästin“ verwendet, wäre das rot markiert und als Rechtschreibfehler gewertet worden. Der Plural „die Gäste“ schloss immer auch ganz selbstverständlich den weiblichen Teil der Anwesenden ein. Gefühlt das dieses Wort deswegen schon immer ein Neutrum. „Gäst*innen“ hingegen klingen schon ausgesprochen seltsam.

Follower:innen

Wer sich in den vergangenen Wochen aufmerksam mit der Entwicklung seiner oder ihrer Gefolgschaft auf der Firmenseite beschäftigte, dem fiel auf, dass hier plötzlich von „Follower:innen“ die Rede war, analog zu den „Besucher:innen“ deren Anzahl in der Administrationsansicht ebenfalls sichtbar ist. Offensichtlich ist jedoch jemandem bei LinkedIn aufgefallen, dass der „Follower“ im englischen sowohl männlich als auch weiblich sein kann. Seit kurzem taucht deswegen nur noch das korrekte „Follower“ auf.

Der Elefant

Bislang bleiben Tiere noch vom Gendern verschont. „Der Elefant“ gilt sowohl für den Bullen wie für die Kuh, gebraten wird das Hähnchen, zur Suppe wird das Huhn. „Die Katzen“ schließen auch „den Kater“ mit ein, ebenso wie die Giraffe auch den Giraffengatten begrifflich korrekt erfasst. Die Sonne und der Mond sind ebenfalls geschlechtlich nicht vorbelastet, auch wenn sie im Französischen mit „la lune“ und „le soleil“ genau umgekehrt einsortiert werden. 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitarbeitende …

… wie ich hier aufgeführt habe, ist das Gendern schon aus rechtschreiberischen und grammatikalischen Gründen durchaus kritisch zu betrachten. Es ist schlichtweg unmöglich, dafür eine stringente Regel zu entwickeln, die für alle Fälle gilt. Sprachlich benötigen wir die Gender-Zeichen wie *, : oder_ auch gar nicht. Denn wenn es darauf ankommt, können wir jederzeit Arbeiterinnen und Arbeiter ansprechen. Wem das zu viel Arbeit macht, kann gerne auch Arbeitende verwenden (auch wenn diese meist gar nicht arbeiten, wenn sie das heute journal anschauen oder gerade streiken). Ich plädiere deswegen für mehr Gelassenheit. Gehen wir durchaus bewusster mit der Sprache um. Dagegen spricht überhaupt nichts. Das Denken durch die erzwungene Verwendung von Kunstbegriffen zu verändern, scheitert jedoch in den meisten Fällen. Das hat schon George Orwell in „1984“ eindrucksvoll nachgewiesen. Denn durch die Verwendung des Wortes „doppelplusungut“ fühlt man sich nicht besser, wenn es einem mies geht. Auf der anderen Seite sind Worte wie „Frollein“ längst aus dem Sprachgebrauch verschwunden, weil sich seit den 60-er-Jahren durchaus etwas in der Emanzipation der Frau getan hat. Konzentrieren wir uns doch einfach darauf, diesen Weg weiterzugehen. 

An dieser Stelle noch ein Zitat meines philosophisch ausgebildeten Kollegen Uwe Taeger: 

„Sprache ist mehr als ein reines Bezeichnungsystem aufzufassen. Sie entspricht eher – wie die Menschen, die in ihr denken, sprechen und fühlen – einem lebenden Organismus, der zeitlichen Änderungen unterworfen ist. Wesentlicher als die jeweiligen Bezeichnungen und Ausdrücke ist das Sprachliche, das Mitteilbare und Mitteilsame selbst, also Ausdruck und Weitergabe – egal auf welchen kommunikativen Wegen. Sprachliche Direktiven und Vorschriften von oben sind auf Dauer wirkungslos.“

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