Abends auf der Couch: Ich scrolle durch meinen Feed und stolpere über eine Kolumne in der taz, in der es um unsere „allzu gemütliche Abhängigkeit“ von den großen Tech-Konzernen geht. Der Autor Fabian Schroer bringt es auf den Punkt: Wir nutzen Apple, Instagram und X, weil es bequem ist und ignorieren dabei, dass wir Demokratiefeinden wie Elon Musk und Mark Zuckerberg immer mehr Macht verschaffen. Die Lösung? Dezentrale Alternativen. Wie beispielsweise Mastodon.
Mastodon ist ein dezentrales soziales Netzwerk, das 2016 vom deutschen Entwickler Eugen Rochko ins Leben gerufen wurde. Anders als bei X, Instagram oder Facebook gehört die Plattform keinem Konzern. Die Open-Source-Software wurde von einer gemeinnützigen Organisation entwickelt und gepflegt, läuft aber auf vielen unabhängigen Servern – sogenannten Instanzen. Das Netzwerk ist damit, wie es in der taz heißt, „größtenteils ein Gemeingut“. Klingt nach einer kleinen Revolution, oder? Ein soziales Medium nicht in den Händen eines Milliardärs, sondern in den Händen seiner Nutzer. Leider habe ich bisher davon nichts mitbekommen und laut einer nicht repräsentativen Umfrage in einigen meiner WhatsApp-Gruppen (ja, ich weiß…) Freunde und Bekannte auch nicht.
Bequemlichkeit schlägt Idealismus
Mastodon bleibt also eine Randerscheinung. Das Problem ist so simpel wie ärgerlich: Wir Menschen mögen es einfach. Anmelden mit unserer Apple ID macht‘s möglich. Die taz-Kolumne zitiert den Podcast-Moderator Lukas Ondreka, der Mastodon viel zu kompliziert findet und sich stattdessen für Bluesky entscheidet. Also wieder eine amerikanische Plattform in Privatbesitz. Der innere Schweinehund gewinnt, und das Muster wiederholt sich: Komfort vor Prinzip.
Dabei ist das mit der Kompliziertheit so eine Sache. Ja, man muss sich eine Instanz aussuchen, bevor man loslegen kann – das ist ungefähr so, als müsste man bei der Anmeldung seinen E-Mail-Anbieter wählen. Irritierend beim ersten Mal, aber kein Hexenwerk. In den Kommentaren unter dem taz-Artikel schreibt ein Nutzer treffend: „Wer das nicht kann, sollte absolut GARNICHTS im Internet machen.“ Etwas harsch formuliert, aber nicht ganz falsch.
Warum uns das alle etwas angeht
Die Abhängigkeit von Big Tech ist längst keine reine Nerd-Debatte mehr. Mit dem wachsenden Einfluss von Musk, Thiel und Zuckerberg auf Politik und öffentlichen Diskurs trägt jeder, der diese Plattformen nutzt, eine Mitverantwortung. Die taz bringt einen schönen Vergleich: „Man würde auch nicht die Deutsche Bahn an Xi Jinping verkaufen.“ Hoffentlich“, denke ich da. Und doch liefern wir täglich unsere Daten, unsere Aufmerksamkeit und unsere sozialen Interaktionen an Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf dem Handel mit genau diesen Daten basiert.
Europa will digitale Souveränität – nicht nur beim Gas, sondern auch in der Technologie. Und es tut sich ja auch was, denn im Laufe dieses Jahres soll mit „W Social AD“ ein schwedisches Start-up in den Social Media-Ring steigen: ein europäisches soziales Netzwerk, finanziert von europäischen Investoren, gehostet auf europäischen Servern. Find ich persönlich vielversprechend, ist aber eben auch wieder in Privatbesitz. Mastodon bleibt in dieser Hinsicht einzigartig: wirklich dezentral, wirklich föderal, wirklich frei.
Irgendwas ist ja immer
Auch Mastodon ist nicht perfekt, aber was ist das schon. Die Nutzerfahrung könnte glatter sein, die Reichweite ist überschaubar, und wer seine Freunde dort sucht, findet oft: nichts. Außerdem fehlt der Algorithmus, der einem ständig neue Inhalte serviert. Für die einen ist das ein Feature, für die anderen ein Dealbreaker. Und ja: Auch bei Mastodon gibt es Moderationsprobleme, wenn einzelne Instanzen andere blockieren und damit den freien Austausch einschränken.
Fazit
Mastodon ist das, was Social Media sein sollte: ein öffentlicher Raum, der seinen Nutzern gehört. Zwar erfordert es ein paar Minuten mehr Einrichtung als der nächste Musk-Laden. Aber wenn wir ernsthaft über digitale Unabhängigkeit reden wollen, müssen wir auch bereit sein, den Komfort gegen ein Stück Selbstbestimmung einzutauschen. Ein Anfang wäre, sich Plattformen wie Mastodon einmal selbst anzuschauen, zur Startseite geht es hier.
