Sie kennen das Geräusch beim Bedienen eines Filmtransporthebels, das Klicken eines Blendenrings? Dann ist das Fotografieren im manuellen Modus sicher nichts Neues für Sie. Wer bisher aber eher der Vollautomatik oder dem „grünen Rechteck“ seiner Systemkamera oder Edel-Kompakten vertraut hat, findet hier gute Gründe, die Halbautomatiken oder den manuellen Modus auszuprobieren.

Das wichtigste Motiv, der Vollautomatik ade zu sagen, ist ihre Bevormundung. Wer schon eine Vorstellung von dem anzufertigenden Foto hat, will sich diese Idee ungern von „künstlicher Intelligenz“ madig machen lassen. Genau das geschieht aber oft, wenn man dem grünen Rechteck vertraut. Die Kamera wählt dann die (vielleicht) geeignete Blende, eine Belichtungszeit, bei der wir möglichst nicht verwackeln, einen ISO-Wert, der bei diesen Vorgaben eine angemessene Belichtung ermöglicht …

Was das grüne Rechteck aber nicht weiß: Fotografieren wir eine schwarze Katze im Kohlenkeller oder einen Schneehasen in der Winterlandschaft? Das grüne Rechteck wird beide Bilder mehr oder weniger grau abliefern. Die Automatik weiß auch nicht, ob wir aus der Hand oder mit Stativ fotografieren.

O.k., Automatiken werden schlauer. Doch ob das Gesicht Ihres Models bei Gegenlicht erkennbar bleiben soll oder ob Sie lieber eine Silhouette fotografieren möchten, kann auch die smarteste Elektronik nicht erahnen. Dann ist es Zeit, das Modus-Rädchen mindestens auf „P“ zu drehen.

Fotos mit der Programmautomatik (P): Eingriff erlaubt

Ein Dreh auf P verschafft uns Freiheit. Nun können wir den ISO-Wert vorgeben, die Zeit-Blenden-Kombination „shiften“ (Blende und Verschlusszeit werden dabei „gegenläufig“ verschoben, sodass die Belichtung gleich bleibt) und wir dürfen die Belichtung beeinflussen. Um beim Beispiel des Models im Gegenlicht zu bleiben: Zwei Blendenstufen dunkler – wir kommen der Silhouette näher. Eine Blendenstufe heller – das Gesicht wird auch vor (sehr) hellem Hintergrund besser erkennbar.

Um ehrlich zu sein: Ich nutze das grüne Rechteck nie, den Modus P selten. Wenn ich meine kleine Edel-Kompakte mit mir trage, steht das Modus-Wahlrad gelegentlich auf P, denn bei der Kompaktkamera ist das Spiel mit Schärfe und Unschärfe ohnehin nur eingeschränkt möglich. Und die Kleine hat ein richtiges Rädchen zur Belichtungskorrektur. Dadurch kann ich schnell Schnappschüsse mit der gewünschten Belichtung machen. Die Kompakte nehme ich ohnehin eher für Ausflugs-/Urlaubsfotos als für Portraits – für Bilder also, die viele heute mit dem Smartphone machen. Wenn ich „mit Vorsatz“ fotografiere, dann meistens mit einer Systemkamera* und im Modus Av.

Av: Die Blende zum Fotografieren wählen, die Zeit im Blick behalten

Av steht (bei Canon-Kameras*) für „Aperture value“, die Blendenzahl. Sie wählen also die Blende vor. Die Halbautomatik der Kamera sucht die passende Verschlusszeit dazu. Landschaft im Weitwinkel? Dann ist bei Blende 11 oft alles scharf von den Blümchen im Vordergrund bis zu den Alpen. Sie wollen ein Portrait vom Hintergrund abheben? Dann Blende z.B. 2,8 am leichten Tele-Objektiv vorwählen und der weit entfernte Hintergrund zerfließt in Unschärfe.

Wichtig ist, beim Av-Modus den Blick auf die Verschlusszeit zu werfen, um unbeabsichtigte Verwackler (d.h. zu lange Belichtungszeiten) zu vermeiden und ggf. den ISO-Wert (oder die Blende) anzupassen. Oder Sie überlassen diese Aufgabe der ISO-Automatik. Ob man bei Av auch die Belichtung beeinflussen kann? Ja, das geht. Die sogenannte Exposure Compensation funktioniert bei Av hervorragend.

Hatte ich erwähnt, dass ich die meisten meiner Fotos im Modus Av fotografiere? Meine Erfahrung ist, dass sich Av für eine Vielzahl von Motiven eignet.

Tv: Sie werden zum Herrscher über die (Belichtungs-)Zeit

Das Gegenstück zur Halbautomatik Av ist die Zeitvorwahl Tv (Time value). Hier geben Sie die Verschlusszeit an und die Kamera stellt – im Rahmen der Möglichkeiten, die Ihr Objektiv bietet – die passende Blende ein. Auch hier lassen sich ISO-Vorwahl oder ISO-Automatik einsetzen und auch die Belichtungskompensation (heller oder dunkler) funktioniert einwandfrei.

Volle Kontrolle im manuellen Modus

Wer gerne alles in der Hand haben möchte, für den ist das M auf dem Modus-Wahlrad der richtige Buchstabe. Hier geben Fotografierende Verschlusszeit und Blendenöffnung vor. Sie haben die Wahl, ob Sie der ISO-Automatik Einfluss gewähren – auch dann funktioniert die Exposure Compensation – oder ob Sie den ISO-Wert festlegen.

Beim „voll manuellen“ Betrieb bestimmen Sie Bildwirkung und Lichtmenge. Haben Sie alle drei Parameter des Belichtungsdreiecks selbst gewählt, hilft Ihnen die Kamera mit einer Belichtungsanzeige (z.B. eine Skala im Sucher von -2 bis +2, wobei 0 die laut Kamera optimale Belichtung wäre), die Belichtung vorab zu bewerten.

Schnell geht das Fotografieren im manuellen Modus nicht von der Hand. Auf Hochzeiten, bei Sport-Events und Konzerten oder anderen Gelegenheiten werden Sie vielleicht lieber der Halbautomatik (Av oder Tv) vertrauen wollen. Wenn das Motiv aber nicht wegläuft – etwa Gebäude, Produkte oder ein Stillleben im Fokus stehen – oder eine gleichmäßige Belichtung über eine Serie von Bildern gefragt ist, ist das M eine gute Wahl.

Konstante Belichtung und konsistente Farbgebung

Wenn Sie eine konstante Belichtung über mehrere Bilder hinweg anstreben, ist Ihnen sicherlich auch eine konsistente Farbgebung wichtig. Daher empfehle ich, beim Fotografieren in „M“ auch den Weißabgleich (WB = White Balance) festzulegen. Bei AWB (Auto White Balance) kommen die Bilder sonst evtl. mit leicht unterschiedlicher Farbgebung aus der Kamera. Aber auch dann ist es nicht zu spät, wenn Sie RAW-Dateien gespeichert haben: Stellen Sie in diesem Fall den Weißabgleich für alle Bilder in der RAW-Verarbeitung einheitlich ein.

Tipp: Startwerte in der Halbautomatik ablesen

Auch wenn der M-Modus einem mehr abverlangt – die passenden Werte für ein Available-Light-Shooting zu finden, ist trotzdem nicht so schwer. Probieren Sie einfach mit der Halbautomatik, welche Zeit-/ISO-Kombination zur Blende mit der passenden Bildwirkung passt und übertragen Sie diese Werte auf den manuellen Modus. Danach ist nur noch Feinabstimmung nötig.

Welchen Modus wann einsetzen?

Bei der Auswahl des Fotografier-Modus gibt es kein richtig oder falsch. Portraits können mit P, Av, Tv und M (und auch mit dem Szene-Programm „Portrait“) hervorragend gelingen. Was jeweils am besten ist? Das kommt darauf an … Hier ein paar Beispiele, wo ich persönlich gute Einsatzbedingungen für die drei Modi Av, Tv und M sehe:

Av – Blendenvorwahl

Die Blendenvorwahl bzw. Zeitautomatik eignet sich zum Beispiel gut für

  • Portraitfotografie (insbesondere bei sich ändernden Lichtbedingungen oder wenn Sie den Standort wechseln müssen)
  • Tierfotografie (Blende weit öffnen und ISO-Wert hochregeln für kurze Belichtungszeiten bei sich bewegenden Tieren)
  • Landschaft
  • Street Photography
  • einzelne Detail- und Makro-Fotos

Tv – Zeitvorwahl

Die Verschlusszeit-Vorwahl oder Blendenautomatik eignet sich unter anderem für

  • gezieltes Einfrieren von Bewegung mit kurzen Verschlusszeiten
    • bei Tanz oder Sport
    • fahrende Fahrzeuge
    • Tiere in schneller Bewegung
  • gezielt verwischte Darstellung von Bewegung mit langen Zeiten für
    • Mitzieher bei Fahrzeugen
    • Menschen „verschwinden“ lassen

M – manueller Modus

Das „manuelle“ Fotografieren ist zum Beispiel hilfreich für

  • identische Belichtung bei festem Fotostandpunkt und wechselnden Motiven bzw. Personen (z.B. Corporate Portraits, Katalogfotos)
  • Einsatz von Blitzlicht mit definiert viel (oder wenig) Umgebungslicht, um das Umgebungslicht konstant zu halten
  • die Anfertigung mehrerer Fotos für die Montage zu Panoramen, das Focus-Stacking o.ä.

* Anmerkungen
– Im Text angegeben Zahlenwerte (wie Blendenzahlen) sind nur Beispiele.
– Bezeichnungen wie Av, Tv oder AWB beziehen sich auf Canon-Kameras. Andere Hersteller verwenden evtl. andere Kürzel.
– Nicht alle Kameras unterstützen alle Funktionen. Die im Text beschriebenen gibt es aber z.B. bei vielen teuren Kompaktkameras und modernen Systemkameras.