Ein Lindwurm müsste man sein

Es ist unglaublich, wie die Zeit vergeht: Ich bin schon über einen Monat bei Press’n’Relations. Das heißt, es wird mal wieder Zeit für einen Praktikantenblog!

Es gibt ja Leute, die denken, Schreiben wäre ein Klacks. Eine Pressemitteilung, in der im ersten Teil alle W-Fragen beantwortet und im zweiten Teil alle Hintergrundinfos präsentiert werden? Und das Ganze auf maximal zwei Seiten? Das sollte doch in einer halben Stunde erledigt sein, ist ja nicht viel Text! So dachte ich auch.

Walter Moers beschreibt in seinem Roman „Die Stadt der träumenden Bücher“ das Leben eines Schriftstellers. Genauer gesagt eines Lindwurms, denn in der Welt, die Moers zeichnet, sind Lindwürmer zum Schreiben geboren. Sie bekommen täglich Briefe von Leuten, die diese Fähigkeit nicht mit Geburt erworben haben, aber trotzdem Schriftsteller werden wollen. Und alle schreiben sie über etwas, das Moers den „horror vacui“ tauft: die Angst vor dem leeren Blatt, aus Mangel an Ideen.
Eine Idee brauchte ich für meine erste Pressemitteilung nicht, ich hatte ja ein Thema: Bauentstauber. Besser gesagt, eine Förderung für Bauentstauber. Da sich der Laie (also auch ich) darunter nicht all zu viel vorstellen kann, bekam ich noch einen ziemlich dicken Katalog mit Infos on top. Also alles vorhanden, was man sich für einen gelungenen Text nur wünschen kann. Doch sowie man sich ans Schreiben machen will, wird schnell klar: Der „horror vacui“ – oder wie man ihn hierzulande nennt, die „Schreibblockade“ – hat wieder zugeschlagen.

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Auch Carlos Ruiz Zafón erzählt in seinem Roman „Das Spiel des Engels“ vom Leben eines Schriftstellers. Da dieser ein Mensch ist und kein Lindwurm, trotzdem zum Schreiben geboren, kennt er die Schreibblockade nur zu gut. Beide – Moers und Zafón – haben eine eigene Antwort darauf, wie die Schreibblockade überwunden werden kann. Der Lindwurm wartet auf den „Orm-Rausch“. Was das eigentlich ist wird nicht erklärt, aber der Protagonist des Buches erlangt ihn nach einer langen, langen Wanderung und vielen Abenteuern. Zafóns Schreiberling wird schon präziser, was das „Wie-überwinde-ich-meine-Schreibblockade“-Problem angeht: „Die Inspiration kommt, wenn man sich hinter den Schreibtisch klemmt, den Hintern auf den Stuhl klebt und zu schwitzen beginnt. Such dir ein Thema und press dein Hirn aus, bis es wehtut. Das nennt man Inspiration.“

Da mir als Praktikantin meist die Zeit für eine lange abenteuerliche Wanderung fehlt, konnte ich für meinen Text wohl nicht auf Hilfe durch den „Orm-Rausch“ bauen. Es bleibt tatsächlich nur eine Lösung: Vor den Computer setzen, sich den Kopf zerbrechen und anfangen zu schreiben.

Während man schreibt verliebt man sich in seinen Text, jeder Satz scheint absolut sinnvoll und man selbst fühlt sich beinahe als Genie – wer braucht denn schon Orm? Das ist überspitzt ausgedrückt, doch je länger man vor dem Text sitzt, desto leserlicher scheint er. Aber dieses Gefühl ist nicht von langer Dauer. Denn irgendwann ist das leere Blatt Papier dann tatsächlich voll beschrieben – und ein neuer Horror beginnt, für den Walter Moers keinen Namen und Zafón keinen Tipp hat: die Angst davor, das volle Blatt abzugeben.

Der Korrekturleser findet alle schiefen Beispiele, Formulierungen und Vergleiche. Er findet Logikfehler und auch die Textstellen, die jeder Logik entbehren. Kurz, er findet alles, was so an Unsinn in maximal zwei Seiten Text gepackt wurde. Bekommt man seinen Pressetext schließlich verbessert zurück, muss man schon sehr suchen, um noch etwas von seinen eigenen Formulierungen zu finden und manchmal hält man sogar einen komplett neuen Text in den Händen – doch immerhin die Modellnamen der Staubsauger sind noch gleich geblieben.

So viel zum Thema „Hirn auspressen“. Ich möchte mich auch berauschen und danach brillante Texte schreiben, aber als Mensch hat man im Rausch wohl eher Probleme, überhaupt noch die Tastatur zu treffen.

Ach, ein Lindwurm müsste man sein!

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