Am Ende eines langen Arbeitstages: Klartext statt Botox

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So – noch zwei Seiten der Imagebroschüre zu korrigieren, das müsste doch zu schaffen sein. Ooops, da in der ersten Zeile ist schon wieder etwas: „Innovationskompetenz“. Richtig geschrieben ist es ja. Aber was ist jetzt damit gemeint? Vielleicht die Fertigkeit, neuartigen Entwicklungen offen gegenüberzutreten oder sie gar zu befördern? Was wäre das Gegenteil davon? Innovationsinkompetenz oder Traditionskompetenz? …

Warum finden sich eigentlich in zahlreichen Unternehmensdarstellungen so oft die Begriffe „Kompetenz“ oder „kompetent“? Bezogen auf die Mitarbeiterdarstellung müsste es doch eigentlich selbstverständlich sein, dass Unternehmen es eher vermeiden, unfähige Arbeitskräfte ohne berufliche Fertigkeiten einzustellen. Also zumindest unterstelle ich das als gutmütiger Kunde in den meisten Fällen. Und dieses Vertrauen hält an, solange ich nicht allzu oft enttäuscht werde. … Warum lässt die oder der Textverantwortliche dieser Broschüre derlei Selbstverständlichkeiten nicht einfach weg? „Ausgeprägte Kundenorientierung“ ist auch so ein Begriff. Hmmm – Gibt es eigentlich auch Unternehmen, die sich nicht auf ihre Kunden ausrichten? Sind die erfolgreich, bzw. haben die eine lange Lebensdauer, wenn sie sagen: „Wir machen das, was uns gefällt. Vielleicht mögen das auch unsere Kunden – Schauen wir mal.“  Wie gern würde ich das jetzt einfach streichen – Weg damit! Stattdessen bezähme ich mich, eliminiere das eine Komma, kürze einen anderen Satz und korrigiere manche Zeichendreher.

Vielleicht hätte es dem Broschürenkonzept ja gut getan, die zufriedenen Kunden oder motivierten Mitarbeiter selbst sprechen zu lassen? Oder einfach auf die positiven Geschäftsjahresergebnisse vertrauen? Stattdessen wimmelt es in derlei Schriften nur so vor Behauptungen und begrifflichen Nebelgranaten wie etwa „proaktive Zusammenarbeit“ oder „Win-Win-Situation“. Orientierung über die Notwendigkeit eines Begriffs bietet hier, wie oben bereits erwähnt, einfach mal den gegenteiligen Begriff, also das Antonym zu bilden: „kontraaktiv“ bzw. „Loose-Loose-Situation“ (oder „Win-Loose-/Loose-Win-Situation“). Und sich dann zu fragen: „Gibt es eine passive bzw. kontraaktive Zusammenarbeit?

So, jetzt noch der letzte Absatz. Oje – der soll sicher für die hippe Fortschrittlichkeit der Firma stehen. Zumindest lassen das Begriffe wie „Industrie 4.0“, „Mobilität 4.0“, „Big Data“, „Internet of  Things“ und „Disruptive Technologien“ ahnen. Und hier, auch sehr schön: „Digital Leadership“. Da fällt mir ein, dass vor 72 Jahren die ersten Erfahrungen mit analoger Führerschaft nach zwölf Jahren ein hoffentlich nicht nur vorläufiges Ende fanden. – Aber das gehört jetzt wirklich nicht hierher. Vielleicht sollte ich mal lieber über den begrifflichen Unterschied zwischen Führerschein und Fahrerlaubnis bzw. Driver License nachdenken … – oder über alternative Fakten und alternativlose Visionen? – Der Tag war lang, jetzt mache ich erstmal Schluss und schicke den korrigierten Text zurück.

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