Ermessenssache – Was zieh’ ich nur an?

Eine angemessene Antwort auf Kleiderfragen angesichts von Messen und Veranstaltungen zu finden, war früher einfacher als heute. Statt starrer Standards scheinen heute flexiblere Rahmenbedingungen zu gelten.

pnr_blog_ut_2016-10_pixInvestitionsgütermessen finden hierzulande ja bekanntlich gern im Frühling oder im Herbst statt. Das ist praktisch, denn Sommerferien und Hitze bzw. Weihnachten, Kälte und manchmal auch Schnee wirken sich mitunter kontraproduktiv aus: auf die Verfügbarkeit und Motivation des Messepersonals ebenso wie auf die Besucherdichte und logistische Erreichbarkeit via Auto, Bahn und Flugzeug. Und wer in den Übergangszeiten, also zwischen kaltnassem Matschgrau und blauweiß bewölktem Sonnenhimmel, auf Messen kundenmehrend sich tummeln darf, kommt oft genug zurück mit triefender Nase, heiserer Kehle und gliederschmerzenden Grippe-Phänomenen. Der Grund: Die naturgemäße Unwägbarkeit der meteorologischen Gegebenheiten bei An- und Abreise sowie beim Gang zwischen den Messehallen – von der trockenen Luft in den Hallen ganz zu schweigen.

Die Wahl temperaturangemessener Kleidung fiel mir dann auch jedesmal aufs Neue schwer. Wer will sich schon mit riesigen Koffern durch enge ICE-Gänge pressen oder sich beim Kilowuchten am Gepäckband blamieren. Eines jedoch war sicher: klassisches Business-Outfit für Dame und Herr. Das hieß: Für ihn Dunkelgrau oder -blau, weißes Hemd und dezente Krawatte – für Sie: dunkle bzw. gedeckte Farben, nicht zu hohe Absätze, unauffällige Muster und allerhöchstens knieumspielende Rocklängen. Nicht zu vergessen – bequeme Business-Schuhe, die für stoisch würdiges Stehen auf Messeständen ebenso geeignet sind wie für lange Gänge durch Messehallen.

Derart domestiziert habe ich seither Messe um Messe – von CeBIT, E-world, IFAT, Intersolar, bauma, Chillventa usw. für meine Kunden Pressekonferenzen, Einzelgespräche und Kundenveranstaltungen organisiert und begleitet. Je nach Anlass packte ich hierfür gebügelte Hemden, gereinigte Anzüge, geputzte Schuhe, unauffällige Krawatten und schlichte Manschettenknöpfe in den meist zu kleinen Koffer. Mein Verhältnis zu derlei textilen Präsentationsformen ist ähnlich wie mit meinen Sprachkenntnissen. Obwohl kein Muttersprachler in Sachen Business Outfit habe ich mir mein kleidertechnisches Know-how eher nach und nach erworben, so dass ich mich mehr oder weniger fließend bzw. passend gewandet fühlte. Zumindest bis vor einigen Jahren.

Ende August 2013: EUROBIKE – Die größte Messe der Welt rund um Fahrräder und E-Bikes wird in Friedrichshafen eröffnet. Die ersten Messetage gehören der Presse und den Fachbesuchern, also Rad-Herstellern, -händlern und -Zulieferern. Ich erinnerte mich an meine Erfahrungen auf der IAA Pkw, auf der in den ersten Tagen ebenso nur Fachbesucher zugelassen sind. Vorherrschende Kleiderfarbe dort: Schwarz, Grau und Blau – abgesehen von jenen Personen durchgehend weiblichen Geschlechts, die sehr nah an den automobilen Exponaten standen oder drapiert auf ihnen lagen. So erschien ich dann im klassischen Business-Outfit auf dem Messestand meines E-Bike-Kunden.

Abgesehen von meinen tatsächlich fortgeschrittenen Lebensjahren fühlte ich mich plötzlich alt, sehr sehr alt. Mit Bügelfalten, im gebügelten Hemd und mit Krawatte kam ich mir inmitten all der durchweg schlanken, sonnengebräunten und mitunter munter tätowierten und gepiercten Fachbesucher in ihren sportlichen und je nach Temperament gefärbten Bike-Outfits vor wie der in einem Schwarzweißfilm aus den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts gewandete Heinz Erhard auf einer Hipster-Party in Berlin-Friedrichshain. Also völlig deplaziert bzw. uncool. Noch bevor der erste Journalist am Stand erschien, entschlipste ich mich, legte das Jackett ab und krempelte die Hemdsärmel nach oben. So hoffte ich wenigstens etwas den bürgerlichen Hautgout zu vermeiden. Ähnliches erlebte ich auf den Messen IFAT und bauma. Auf diesen Weltleitmessen für Wasser-, Abwasser-, Abfall- und Rohstoffwirtschaft bzw. für Baumaschinen, Baustoffmaschinen, Bergbaumaschinen, Baufahrzeuge und Baugeräte sah ich mehr karierte Baumwollhemden, Blue Jeans und Baseballkappen als in allen meinen vorherigen Heimwerkermarkt-Besuchen.

Etwas verwirrt war ich dann dieses Jahr auf der IAA Nutzfahrzeuge, auf der die Neuigkeiten rund um LKW, Transporter und Busse jeder Größe vorgestellt wurden. Das ist doch bestimmt eine Messe für diese Jeans-und-großkarierte-Flanellhemden-Fraktion ganzer Kerle fernab der White-Collar-Dressmen-Vereinigung, die am Schreibtisch zierlich die Tastatur ihrer Rechner bedient. Aber weit gefehlt. Auf den Ständen der großen Nutzfahrzeughersteller hätte man auch die Wahl für den Krawattenmann oder die Kostümfrau des Jahres abhalten können. Genau wie früher: Zweiteiler, Dreiteiler, schwarz, grau, blau, vereinzelt dunkelbraun. Keine Falte, kein Fusselchen war auf den Anzügen und Kostümen zu finden. Auch die Messestände selbst waren blitzsauber und auf Hochglanz. Fiel ein Krümelchen auf Boden oder Teppich, konnte ich nicht mal bis Drei zählen und schon fegte ein dienstberer Geist die Spuren der Unachtsamkeit beiseite. Eines weiß ich seitdem: Diese Branche möchte nicht mehr den geringsten Verdacht der Unsauberkeit aufkommen lassen.

Meine Lehren habe ich daraus gezogen: Handelt es sich um eine Messe, auf der ich noch nicht war, informiere ich mich seither lange vor den ersten Messetagen genauestens über das zu erwartende Fachbesucherpublikum. Ich suche entweder im Internet nach Bildern oder Filmen zu den vorangegangenen Messen, oder ich frage einfach meinen Kunden.

Mittlerweile sehe ich derartige Kleiderfragen auf Messen etwas entspannter. Das liegt auch daran, dass in Zeiten von Internet of Things, Industrie 4.0 und Blockchain die treibenden Player der IT-Branche auch immer weniger mit Krawatten gesehen werden. Der schwarze Rollkragenpulli von Steve Jobs hat hier sicherlich eine entscheidende Rolle in der Disruption herkömmlicher Kleiderordnungen gespielt. Und wenn ich mir manchmal nicht sicher bin, kleide ich mich eher Business Casual, d.h. Stoffhose oder dezente Khaki-Chinos, weißes Hemd und dunkles Sakko. Und für den Fall der Fälle habe ich immer eine Krawatte in der Aktentasche dabei.

 

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