Meine digitalen Leben und ich

Erst einmal vorab: Ich bin kein Digital Native. Ich hatte das Glück, eine handy- und internetfreie Kindheit und sogar noch einen Teil der Jugend genießen zu dürfen. Waren wir draußen – und das waren wir eigentlich immer – hatten unsere Eltern keine Möglichkeit, uns zu kontrollieren (was wir sehr genossen haben), sie mussten uns einfach vertrauen. War es Zeit für’s Abendessen, schallte der Pfiff meines Vaters durch’s Dorf (jepp, Kind vom Land), das allgemein bekannte Signal für den Aufbruch („Geh’ma, d’Andrea muass hoam“). Oder ich war selbstständig zur vereinbarten Uhrzeit daheim – oder am vereinbarten Treffpunkt mit den Freunden. Das erste Handy gab’s zum Roller, damit ich anrufen konnte, falls ich eine Panne hatte. Davor musste es der hauseigene Festnetzanschluss tun. Wollte man mit Freundinnen – oder spannender noch: Jungs – telefonieren, passierte auch das zum ausgemachten Zeitpunkt. Da saß man dann schon fünf Minuten vorher vor dem natürlich nicht kabellosen Telefon, damit nicht versehentlich der Papa mit dem holden Jüngling sprach und dann unangenehme Fragen stellte (als ob er’s nicht gewusst hätte, was Sache war). Den ersten wirklichen Kontakt mit Computern und dem Internet hatte ich erst kurz vor dem Abitur, als die Facharbeit anstand. Und dann ging es rasend schnell. An der Uni war ich täglich im Netz, immer mehr auch privat als zu Recherchezwecken. Erst waren es E-Mails, dann MeinVZ und schließlich Facebook. Wir verbrachten ganze (Arbeits-)Nachmittage in einem Gruppen-Thread (wobei dann am Tag darauf keiner mehr online war, musste ja nachgearbeitet werden). Und dann kam das Smartphone.

Ich gebe zu, ich habe mich so an das multifunktionale Helferlein gewöhnt, dass ich ohne es manchmal völlig aufgeschmissen wäre. Vor allem Navigation, Apps für den Nahverkehr etc. sind äußerst praktisch. Aber ganz ehrlich: Inzwischen geht mir das Ständig-Erreichbar-Sein doch etwas auf die Nerven. Vorbei sind die guten, alten Zeiten, in denen man sich frei und unkontrolliert bewegt hat, weil man eben einfach nicht in der Nähe eines Telefons war. Gleichzeitig kann ich es aber auch nicht lassen, immer mal wieder zu schauen, was es auf Facebook Neues gibt, wie es um den Posteingang meines E-Mail-Accounts (privat und dienstlich natürlich) bestellt ist und ob mir jemand auf What’s App geschrieben hat, die Push-Funktion aber mal wieder hängt. Fazit: Ich bin quasi permanent online.

Das hat seine Vorteile, keine Frage: Ich bin immer auf dem neuesten Stand der Dinge, gerade für den Job ist das oft super. Doch es hat auch Nachteile. Zuverlässigkeit scheint zum Beispiel überholt zu sein, man kann ja schnell Bescheid sagen, wenn was dazwischen kommt (was äußerst ärgerlich ist, wenn man altmodischerweise immer noch zum vereinbarten Zeitpunkt am vereinbarten Ort ist). Permanent poppt irgendetwas auf und lenkt mich von dem ab, was ich tue. Schlimmer noch, ich führe inzwischen ein digitales Blog-DigitalesLebenDoppel- wenn nicht Mehrfachleben. Auf Facebook habe ich ein Business-Ich und ein privates, was ja eigentlich nicht Sinn und Zweck der Übung ist, aber ich möchte nun einfach mal nicht die gleichen Inhalte mit meinen Freunden und meinen Kunden teilen. Auf Twitter betreue ich ebenfalls diverse Kanäle. Nun gut, als PRler ist man es gewohnt, multiple Persönlichkeiten zu vertreten, wir schreiben ja auch als Ghostwriter für unsere Kunden. Neu ist, dass das Ganze jetzt so viel mehr Zeit und Aufmerksamkeit beansprucht. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich finde das alles sehr spannend und mache es wirklich, wirklich gern, ich mag meine digitalen Leben.

Aber als Kind der 80er kenne ich es eben auch anders – und vermisse es. Ich möchte nicht mit Freunden im Café sitzen und jeder fummelt alle fünf Minuten an seinem Smartphone rum, statt dem Gegenüber seine volle Aufmerksamkeit zu widmen. Daher verordne ich mir inzwischen digitale Auszeiten, auch wenn das manchmal auf Unverständnis stößt. Ich gestehe also: Ja, ich arbeite mit Social Media und bin trotzdem nicht immer erreichbar. Ätsch. Es muss meiner Meinung nach nämlich auch noch Zeit dafür geben, einen Artikel in Ruhe durchzuschreiben, ein gutes Buch zu lesen, einen ungestörten Kaffee mit Freunden zu trinken und einen Tag ohne E-Mails, Nachrichten & Co. mit der Familie zu verbringen. Kurzum: Es muss Zeit für die Offline-Welt geben, denn hier spielt das Leben und nicht auf Facebook o.Ä. Natürlich sorge ich dafür, dass meine Kunden trotzdem sehr gut betreut sind. Aber manchmal schalte ich eben ab und genieße meine wenn auch nur kurze nicht-digitale Freiheit.

P.S.: Warum ich mir darüber Gedanken gemacht habe? Den Anstoß hat Claudia Hilker mit ihrem Aufruf zur Blogparade #DigitalesLeben gegeben. Wer noch mitmachen möchte, hier der Link zum Blog „Digital Leader“.

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